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Elternzeit:Erst die Karriere, dann das Kind

Viele Väter gehen nur zwei Monate in Elternzeit.

(Foto: Unsplash)

Viele Männer nehmen aus Angst vor Nachteilen im Job nur wenige Monate Elternzeit. Dabei zeigen Studien: Wie lang Väter aussetzen, ist für ihre Karriere egal - anders als bei den Müttern.

Der Zweimonatspapa ist inzwischen ein berüchtigtes Wesen: Während junge Mütter für den Nachwuchs lange im Job aussetzen, pausiert der typische Vater nur kurz - oft sind es ziemlich genau zwei Monate. Genau so lange muss der Partner seine Berufstätigkeit unterbrechen, damit eine Familie das Elterngeld voll ausschöpfen kann. Der Großteil der Väter geht nicht über diese Zeit hinaus. 2018 waren Väter im Schnitt drei Monate in Elternzeit, zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Warum so kurz?

Laut einer neuen Umfrage fürchten viele Männer Nachteile im Job, wenn sie länger aussetzen. Rund 1000 Mütter und Väter hat das Meinungsforschungsinstitut Yougov im Auftrag des Online-Karrierenetzwerkes Linkedin für die Untersuchung befragt. Im strengen Sinne repräsentativ ist diese nicht. Aber die Unterschiede in den Antworten von Männern und Frauen sind dennoch aufschlussreich.

So gaben 46 Prozent der befragten Frauen an, dass ihr Arbeitgeber einer längeren Elternzeit offen gegenüberstünde und sie ihnen gern gewährt. Unter den befragten Männern hatten nur 36 Prozent diesen Eindruck. 62 Prozent der Frauen, aber nur 51 Prozent der Männer sagten außerdem, Kolleginnen und Kollegen würden Verständnis dafür aufbringen, wenn sie länger als sieben Monate aussetzen. Frauen scheinen zudem optimistischer zu sein, dass es ihrer Karriere nicht schadet, wenn sie länger pausieren: 58 Prozent befürchten keine negativen Auswirkungen. Dagegen gehen nur 45 Prozent der Männer davon aus, dass sie mit einer längeren Elternzeit ihre Karriere nicht gefährden. Eine Frau kann sich die Auszeit fürs Kind eher erlauben, Chefs und Kollegen ermöglichen es ihr lieber, und ihrer Karriere schadet es auch weniger als der Karriere eines Mannes - diese Wahrnehmung scheint vorzuherrschen.

Interessant wird es auch, wenn man diese Wahrnehmung mit dem vergleicht, was die Soziologin Lena Hipp von der Uni Potsdam 2018 in einer Studie herausfand. In einem Experiment schickte sie fiktive Bewerbungen von Männern und Frauen an Unternehmen, auf 718 Inserate antwortete sie. Die Qualifikation der angeblichen Bewerber war dabei stets gleich, nur die Dauer der Elternzeit unterschied sich, mal waren es zwei Monate, mal zwölf. Das Ergebnis: Bei den Männern war die Länge der Elternzeit unerheblich für ihre Chance, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Anders bei den Frauen: Mütter, die nur zwei Monate aussetzten, wurden deutlich seltener von den Firmen eingeladen. Sie hätte eineinhalb mal so viele Bewerbungen schreiben müssen wie Mütter, die das übliche volle Jahr zuhause geblieben waren, um genauso viele Vorstellungsgespräch zu bekommen - dabei hatten sie wegen der kürzen Auszeit eigentlich mehr Job-Erfahrung gesammelt. Forscherin Hipp legte die Lebensläufe auch Studierenden vor und bat sie um Einschätzungen. Die Bewerberinnen mit kurzer Elternzeit wurden als unsympathischer bewertetet.

Bei Männern hingegen hatte die Dauer der Elternzeit keinen Einfluss auf das Urteil. Für Väter, schreibt Hipp, sei dieser Befund ermutigend: Sie befürchten zu Unrecht Karrierenachteile. Ernüchternd sei das Ergebnis für Frauen: "Sie können es eigentlich nur falsch machen. Gehen sie für längere Zeit in Elternzeit, fehlt ihnen Arbeitsmarkterfahrung. Gehen sie nur kurz in Elternzeit, so wird ihnen das auch negativ ausgelegt."

© SZ vom 27.02.2020/berk
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