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Arbeitskultur:Chefs, lasst los

Business team brainstorming on meeting in modern corporate office model released Symbolfoto PUBL

Oben ist die Luft dünn, man atmet schwer als Chef. Aber warum muss man da auch um jeden Preis bleiben?

(Foto: imago images / Panthermedia)

Zu viele Führungskräfte kleben an ihrem Posten. Firmen müssen daher nicht nur beim Aufstieg helfen, sondern auch Abstieg erleichtern. Zum Beispiel, indem sie aufhören, Chefs überzogene Gehälter zu gewähren.

Im Jahr 2009 veröffentlichten drei Wissenschaftler der Universität Catania die Ergebnisse einer Computersimulation, die manche Überzeugung erschütterte. Die Forscher ließen eine Software durchexerzieren, nach welchem Muster Angestellte in Chefpositionen befördert werden - Dutzende Male, Hunderte Male, tausendmal. Am Ende der Rechenspiele stand das Fazit: Am effizientesten wäre es, wenn man die Posten per Los verteilen würde. Für das Papier erhielt das Trio im Jahr darauf prompt den Ig-Nobelpreis, den Spaßnobelpreis für die absurdesten Früchte der Forschung. Bei vielen leidgeplagten Angestellten dürfte das Ergebnis der Studie aber durchaus auf Zustimmung gestoßen sein: Beförderung nach dem Zufallsprinzip? Warum eigentlich nicht? Viel schlimmer als die Wirklichkeit kann es nicht werden.

Man muss nicht gleich zu so radikalen Schlüssen neigen wie die drei Italiener. Aber mindestens aufhorchen lässt, was das Stellenportal Stepstone kürzlich in einer Umfrage herausgefunden hat: Viel zu viele Führungskräfte kommen demnach an ihre neue Aufgabe, ohne richtig darauf vorbereitet worden zu sein. Und nicht wenige hadern auch bald mit dem Vorgesetztendasein: 27 Prozent der befragten Chefs würden die Beförderung am liebsten rückgängig machen. Das Problem ist nur: Die wenigsten tun es.

Viel ist davon die Rede, dass Firmen beim Aufstieg helfen sollen. Dass Karrieren planbar, talentierte Mitarbeiterinnen gefördert werden müssen. Dass die Führungsetagen Vielfalt und die Vorstände Quoten brauchen. Aber vielleicht müssen Firmen auch in der umgekehrten Richtung helfen: beim Abstieg.

Das Bild vom Boss hat sich gewandelt. Chefs oder Chefinnen sollten heute nicht mehr Befehle erteilen, sie sollen Mitarbeiter nicht drangsalieren und schikanieren, sondern vielmehr inspirieren und motivieren. Der Kasernenhofton hat in der Arbeitswelt nichts verloren - so wünschen sich viele Beschäftigte ihre Vorgesetzten, wie die Umfrage der Stellenbörse ebenfalls zeigt: 93 Prozent der befragten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen eine Führungskraft, die kooperativ im Team arbeitet; den dominanten Befehlsgeber lehnen 91 Prozent ab. Und die Führungskräfte? Sehen ihre Rolle genauso. Ob sie sich so verhalten, ist eine andere Frage. Aber zumindest als Leitbild hat der selbstherrliche Bürotyrann in der Arbeitswelt ausgedient.

Nur leider entspricht die Praxis diesen Beteuerungen nicht. Warum zum Beispiel werden Chefposten nicht viel häufiger auf Zeit vergeben? Warum wechselt die Teamkoordinatorin nicht automatisch nach ein oder zwei Amtsperioden? Wenn der Schritt zurück ins Glied den Betroffenen so schwerfällt, sollte man ihn institutionalisieren. Die Aussicht auf die eigene Ersetzbarkeit schafft Demut. Denn Mitarbeiter zu koordinieren und motivieren ist eine Aufgabe, eine wichtige, sicherlich - aber doch nur eine von vielen. Erst im Zusammenspiel entsteht daraus etwas.

Der Abstieg aus einer Führungsposition wäre viel leichter, wenn er nicht als Abstieg wahrgenommen würde. In der Umfrage nannten Führungskräfte vor allem zwei Gründe, warum sie trotz Unbehagen nicht von ihrer Stelle weichen: die Sorge ums Ansehen und die ums Geld. Aus beidem ließe sich etwas machen. Warum Führungskräfte ein Mehrfaches von dem verdienen, was ihre Kolleginnen und Kollegen bekommen, ist kaum nachzuvollziehen. Sechsstellige Jahresgehälter im Mittelmanagement sind zu hoch. Tatsächlich scheint der Trend aber in die andere Richtung zu weisen, zumindest der Blick auf die allerhöchsten Chefposten legt das nahe: Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung stellte fest, dass Dax-Vorstände im Jahr 2017 im Schnitt 71-mal mehr verdienten als der Durchschnitt ihrer Mitarbeiter. 2005 war es erst 42-mal so viel. Es muss wie ein Täuschungsmanöver wirken, wenn der Chef Turnschuhe trägt und von Augenhöhe spricht, gleichzeitig aber einen Lohn einstreicht, den die Mitarbeiter in ihrem ganzen Leben nicht verdienen werden.

Und auch sonst sieht es nicht danach aus, dass die Glorifizierung des Cheftums abnimmt. Schaut man sich um, entdeckt man allerorten neue Häuptlinge. T-Mobile gab sich einen "Chief Twitter Officer", Google einen "Chief Internet Evangelist", und manches Start-up meint, nicht ohne "Chief Happiness Officer" über die Runden kommen zu können. Wo ein Chef loslässt, wird nicht selten sofort ein neuer Chefposten für ihn geschaffen. Die Arbeitswelt wird zur Hydra, dem vielköpfigen Seeungeheuer: Fällt ein Head, wuchern gleich zwei neue.

© SZ vom 10.02.2020
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