Frage an den SZ-Jobcoach Muss ich Gedudel im Großraumbüro ertragen?

"Der Chef darf anordnen: Radio aus!", sagt die Jobcoachin.

(Foto: Jessy Asmus)

Heiko G. ärgert sich über einen Kollegen. Der hört ständig Radio und hindert ihn am konzentrierten Arbeiten. Vom Jobcoach will er wissen, wie er damit umgehen soll.

SZ-Leser Heiko G. fragt:

Ich bin letzte Woche von einem Dreier-Büro in einen größeren Raum umgezogen, der mit neun Personen belegt ist. In unserem Dreier-Büro haben wir uns prima verstanden. Im neuen Büro läuft den ganzen Tag das Radio, was mir sehr auf die Nerven geht, vor allem wenn ich mich mal konzentrieren mus. Ich habe meinen Kollegen, bei dem das Radio auf der Fensterbank steht, darum gebeten, es leiser zu stellen, was er auch getan hat, allerdings mit Augenrollen. Nach zehn Minuten war es so laut wie vorher. Gibt es generell eine Regelung zum Betrieb von Radios beziehungsweise zum Hören von Musik in Großraumbüros? Man könnte ja auch Kopfhörer tragen, ist das grundsätzlich gestattet? Wie gehe ich weiter vor, bevor ich aus dem Fenster springe?

Christine Demmer antwortet:

Lieber Herr G., für die einen ist das Radio ein Quell der Inspiration, für die anderen eine Folter. Und für Juristen ist es ein unerschöpfliches Wirkungsfeld. 1986 hat das Bundesarbeitsgericht ein Grundsatzurteil zur Schallberieselung am Arbeitsplatz gefällt. Danach darf der Arbeitgeber seinen Mitarbeitern nicht vorschreiben, das Radio oder vergleichbare Lautsprecher abzuschalten.

In dieser Frage hat der Betriebsrat ein Mitbestimmungsrecht, was bedeutet, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter eine Regelung finden müssen. Auch in Unternehmen ohne Betriebsrat darf der Arbeitgeber nur dann ein Radioverbot verhängen, wenn er dafür gute Gründe hat. Und die können nur in der Leistungserbringung liegen.

Mit diesen Kollegen müssen Sie klarkommen

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Wenn Ihre Kollegen also ihren Job konzentriert, zügig und fehlerfrei verrichten, erfüllen sie ihre Arbeitspflicht, auch wenn sie daneben Radio hören. Arbeiten sie aber ohne die erforderliche Konzentration und deshalb fehlerhaft, dann verstoßen sie gegen ihre vertraglichen Pflichten. Wobei es völlig belanglos ist, ob es am Radiohören liegt oder an der schlechten Luft im Büro. Der Chef darf anordnen: Radio aus!

Für Sie bedeutet das leider, dass die Bässe wummern dürfen, solange niemand an der Arbeitsqualität des gesamten Büroteams mäkelt. Wenn es aufgrund der Ablenkung durch das Radio tatsächlich zu Fehlern kommt, bleibt es sogar Ihnen und Ihren Kollegen überlassen zu entscheiden, wie Sie die geschuldete Leistung dennoch erbringen. Grundsätzlich wäre es also möglich, dass an allen neun Schreibtischen unbezahlte Überstunden gemacht werden, um Fehler einzelner Kollegen, die aufgrund des Radiohörens entstehen, zu korrigieren. Das aber wäre ungerecht. Wenn darum auch nur ein einziger Mitarbeiter im Büro mit dem Hinweis opponiert, er könne sich aufgrund des ständigen Gedudels nicht so konzentrieren, wie es für seine Arbeit erforderlich wäre, dann muss - nach erfolglosem Einigungsversuch - dessen Begehr stattgegeben werden. Auch dann darf der Chef ansagen: Radio aus!

Die Rechtslage hilft Ihnen aber nur bedingt, wenn Sie nicht gerade ein Riesenfass aufmachen, den Chef vergrätzen und die Kollegen gegen sich in Stellung bringen wollen. Erkundigen Sie sich beim Betriebsrat, ob eine Radioregelung getroffen wurde. Ohne Regelung und ohne Betriebsrat weisen Sie die Büronachbarn darauf hin, dass Sie sich aufgrund der Musik nicht konzentrieren können. Wenn es die Arbeit zulässt, bitten Sie um die Benutzung von Kopfhörern.

Verhallt der Appell an die Kollegialität ungehört, dann erzählen Sie das Ganze noch einmal - diesmal dem Chef. Bleibt der untätig, dann könnte es taktisch klug sein, durchaus einmal einen ernsthaften Fehler zu machen und den Chef daran zu erinnern, dass Sie auf dieses Risiko bereits hingewiesen haben. Meist wird er oder sie dann schon aus Eigennutz aktiv. Was das Aus für das Radio bedeuten kann - oder für Sie. Wägen Sie ab!

Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin und Coach in Deutschland und Schweden.

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