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Arbeitsplatz:Was vom Büro bleibt

Illustration: Jessy Asmus

So langsam kehren die Menschen ins Office zurück. Eine Wiederbegegnung mit Gegenständen, die jede Krise überleben - oder bald verschwunden sein werden.

Von Viola Schenz

Erinnert sich noch jemand an den Overhead-Projektor? An den Schnellhefter? Die Schreibmaschine? Viele Büro- und Business-Werkzeuge sind in den letzten Jahren ausgestorben - wegmodernisiert und wegdigitalisiert. Manchen gibt die Corona-Pandemie den Rest, der Trend zum Home-Office mit fast leeren Büros macht sie überflüssig. Wir stellen ein paar Gegenstände vor, die bereits verschwunden sind oder noch nicht ganz, dafür aber als höchst gefährdet gelten, oder die einen hartnäckigen Überlebenswillen an den Tag legen. Denn so wie das "papierlose Büro" seit Jahrzehnten prophezeit wird, aber einfach nicht über uns kommen will, so werden einzelne eigenartige Apparaturen weiter existieren, zumindest in irgendeinem Jenseits. Wir verraten, wie und warum.

Der Leitzordner

Illustration: Jessy Asmus

Kaum etwas ist so typisch fürs Büro wie dieser klassische Akten-Aufbewahrer. Der Leitz-Ordner steht für deutsche Ordnungsliebe und Bürokratie. Seine strenge Funktionalität, die Abwesenheit jeglicher Anmut oder gar Eleganz, das nüchterne Nebeneinander von verstärkter Pappe, Metallecken, Eingriffsloch und patentierter Ringmechanik plus Klemmbügel machen seit Ende des 19. Jahrhunderts allen Büroinsassen klar, dass an diesem Ort nicht zu spaßen ist. Daran konnten auch die farbigen Varianten nichts ändern, die das jahrzehntelange Einheits-Grau-Schwarz dann doch eines Tages ergänzten. Solange Finanzämter, Hausverwaltungen, Gerichte und Gesundheitsämter darauf pochen, nur gedruckte Dokumente seien richtige und damit aufbewahrungswerte Unterlagen, solange wird es auch diesen praktischen Ordnungsmonopolisten geben.

Doch wie sehr hätte man sich gewünscht, dass der Ordner in seiner 135 Jahre langen Geschichte - erfunden hat ihn 1886 der Bonner Kaufmann Friedrich Soennecken - auch den amerikanischen Markt erobert. Wer schon einmal versucht hat, ein dreifach gelochtes Papier im US-typischen Letter-Format in einem europäischen Leitzordner unterzubringen oder umgekehrt ein doppelgelochtes deutsches Schriftstück in einem US-Ringbuch, wünscht sich vor allem: die totale Digitalisierung und das Ende allen Papier-, Locher- und Abheftkrams.

Die Büroklammer

Illustration: Jessy Asmus

Sie ist nützlich und niedlich zugleich und eigentlich von keinem Schreibtisch wegzudenken, selbst wenn sie heutzutage nur noch selten eine Loseblattsammlung zusammenheftet. Quietschbunte, gestreifte oder Herzchen-Versionen sollen das Büro-Dasein irgendwie drolliger gestalten. Bei unendlichen Telefonaten und Zoom-Konferenzen bewahren einen die bewährten Klammern vor dem Wegdösen: Mit ihnen lassen sich lustige Figuren und Ketten basteln, das hält notdürftig wach.

PC-Besitzer schätzen sie zusätzlich als Hilfsinstrument bei blockierten CD-Klappen. Biegt man sie fachgerecht zu einem dünnen Draht auf und stochert im richtigen Winkel in dem kleinen Loch am Gerätegehäuse rum, wird - schwupps - die verklemmte CD ausgefahren. In allen möglichen Mail- und Messenger-Diensten überlebt sie außerdem als Dateianhang-Symbol. Sie bleibt unverzichtbar.

Das Faxgerät

Illustration: Jessy Asmus

Manchmal stehen sie tatsächlich noch in einer Ecke, verstohlen zwischen einem Stapel verstaubter Zeitschriften und den unförmigen Vasen, von denen eine herhalten muss, wenn eines runden Geburtstags gedacht wird. Einmal im Quartal geht der Putzdienst aus Versehen oder aus Mitleid mit einem Staubtuch über den eckigen Kasten, manchmal auch mit einem tropfnassen Lappen, das kann dann eh sein ultimatives Ende bedeuten. Aber auch ohne fatale Eingriffe ist das Faxgerät eigentlich längst ausgestorben. Außer jenen kleinen vielleicht, die noch so richtig mit Telefonhörer ausgestattet sind: Die lassen sich dann zum Telefonieren benutzen, wenn man das Handy daheim vergessen hat, und die wenigen Büro-Resttelefone von den lieben Kollegen belegt sind.

Der Aktenkoffer

Illustration: Jessy Asmus

Schon damals, in der Oberstufe, trugen ihn die sehr Wichtigen mit sich herum. Die, die nach dem Abi BWL studieren und dann flugs zum CEO aufsteigen würden, in einem Weltkonzern versteht sich, auch wenn es CEO als Begriff damals noch nicht wirklich gab. Für dieses Ansinnen belegten sie, klaro, den Leistungskurs Wirtschaft, und wenn sie den Aktenkoffer in die Mitte der Schulbank hievten und die Messingzahlenschlösser peng, peng aufschnappen ließen, war das schon mal eine Art Reviermarkierung. Drinnen befanden sich die üblichen Bücher und Hefte und das Pausenbrot, das ihnen die Mutter in der Frühe geschmiert hatte, so wie bei den anderen, den Losern, auch. Nur dass die ihre Bücher, Hefte und Pausenbrote in Rucksäcken oder abgewetzten Ledertaschen mit sich herumtrugen.

Den Losern war damals schon klar, dass Aktenkoffer an bestimmten Orten zu bestimmten Zwecken sehr lächerlich wirken. Inzwischen wirken sie fast überall und zu allen Zwecken lächerlich, und das sehen auch die CEOs mit BWL-Studium ein. Wer heute noch mit so einem Kasten herumläuft, ist nicht von dieser Welt. Man trägt Designer-Laptop-Taschen oder eine Messenger-Bag oder seine "Unterlagen" im Handy oder gleich in der Cloud. Oder noch angesagter: in einem Rucksack oder einer Ledertasche mit viel Patina.

Die Grünpflanze

Illustration: Jessy Asmus

In seinem Bestseller "Die Welt ohne uns" aus dem Jahr 2007 beschrieb der amerikanische Journalist Alan Weisman, was mit der Erde passieren würde, wenn alle Menschen plötzlich verschwänden. Gebäude würden zerfallen, U-Bahn-Schächte überfluten, Wasserrohre frostbersten, Brände blieben nach Blitzeinschlägen ungelöscht, Tiere könnten sich nach Herzenslust ausbreiten und Pflanzen so ziemlich alles überwuchern. Letzteres Phänomen kennt, wer Weinranken am Haus hat und ein paar Monate nicht daheim war. Die Schefflera und die Kentiapalme neben der Hängeregistratur haben also selbst nach einer Apokalypse gute Chancen. In der Anfangsphase müsste allerdings dann doch jemand zum Gießen vorbeischauen; jedenfalls bis das Bürodach zerfällt und der Regen seine natürliche Aufgabe übernehmen kann.

Die Kaffeemaschine

Illustration: Jessy Asmus

Ihr Ende war schon oft vorhergesagt. Erst musste sie den kleinen, schicken, fauchenden, glänzenden Espressomaschinen Platz machen, dann schlugen die Vollautomaten auf, mit Leasingvertrag und Edel-Kaffee-Anbieter-Wartung. Jede Woche drehte der Vertreter seine Runde durch die Etagen, füllte Bohnen nach, wechselte verklebte Milch-Schläuche aus, hörte sich Klagelieder an ("Mein Geld wurde abgebucht, aber unten kam nichts raus, ich schwör es!"). Und dann kam Corona, und der geduldige Allzeitvertreter durfte nicht mehr seine Runde drehen, und die wenigen Präsenzarbeiter entsannen sich jener Filterkaffeemaschine, die einst sehr langsam vor sich hingurgelte, und zerrten sie aus dem hintersten Akten-Sideboard hervor. Und plötzlich erinnert man sich an die Lieblings-Büro-Serie der Deutschen, an "Stromberg", wo diese Maschine zum Inventar und zum Lebensgefühl, vor allem aber zum Vorspann gehörte. Sie wird also fortleben, in Notzeiten.

Der Brieföffner

Vermutlich ist vielen Büro-Utensilien längst bewusst, dass sie eine gefährdete Spezies sind. Man kann also davon ausgehen, dass sie zwecks Überlebenstechniken Koalitionen eingehen, nach der Devise: Wenn Büromenschen das noch benötigen, benötigen sie auch mich noch. Der Brieföffner dürfte sich demnach mit Papier, Umschlag und Briefmarke verbündet haben getreu dem Musketiere-Motto: Einer für alle, alle für einen. Auch wenn sich die Sache mit dem täglichen Briefeaufschlitzen meist schnell erledigt hat, dient so ein Öffner schließlich immer noch prima als Ersatzschraubenzieher, Nagelsäuberer, Umtopf-Hilfe oder zur Verteidigung. Nicht ohne Grund hat er sich schließlich einen Rang im Deutschen Waffengesetz erobert.

Der Stempel

Illustration: Jessy Asmus

Eigentlich wähnt man ihn unter einer Ladung Schreibtischschrott in der hintersten Ecke der untersten Schublade des Rollcontainers. Aber Corona lehrt uns so einiges, zum Beispiel, dass der gelbe deutsche Impfpass rechts neben Datumspalte und Covid-Serum-Aufkleber den Praxis-Stempelabdruck des Impfarztes verlangt. Und wo ein Stempel, da meist auch Stempelkissen und Stempelkarussell. Auch jenseits von Pandemie und Impfen werden Unterabteilungen, Dezernate, Vorzimmer dazu neigen, Hauspostkuverts, Begleitzetteln und Ausgangspost ihren, nun ja, Stempel aufzudrücken, sprich ihre Existenz, ach was, ihr Territorium und ihre Unentbehrlichkeit zu brandmarken.

Sollten dank Digitalisierung die Tage des Stempels doch irgendwann gezählt sein, kann man mit ihm immer noch lustige Muster erstellen auf den vielen Altpapier-Rückseiten, die dann auch keiner mehr braucht. Und anschließend wandert er zu - dann wieder aktiven - Club-Betreibern und Konzert-Veranstaltern, die mit "Praxis Dr. Wimmer" oder "Finanzamt München IV" auf dem Handrücken den Besuchern, die bereits gezahlt haben, den Wiedereintritt ermöglichen.

Die Pinnwand

Illustration: Jessy Asmus

Personen unter 30 muss man vermutlich erklären, worum es sich hier handelt. Personen jenseits der 30 haben in grauer Vorzeit hier sowohl ihre Vergangenheit als auch ihre Zukunft verewigt. Die Vergangenheit bestand zum Beispiel aus Bruce-Springsteen-Konzertkarten in D-Mark-Jahren und zu unvorstellbar niedrigen Preisen (38 Mark!!). Die Zukunft bestand aus bevorstehenden Zahnarzt-Terminen, die verpasst wurden, weil die Schnipsel aus der Vergangenheit die Zukunftszettel sehr schnell sehr überwucherten. Außerdem gab es immer zu wenige Pinnnadeln, was den Überwucherungseffekt verschlimmerte. Daher dienten Pinnwände irgendwann nur noch als Erinnerungstableau, quasi aus Platzmangel. Der Zahnarzttermin wanderte in den Filofax, aber der existiert ja heute auch nicht mehr. Und am Arbeitsplatz? Da wurden die aufgespießten Hinweise, Appelle und Termine hauptsächlich von allen ignoriert. Ausgestorben waren Pinnwände also schon, bevor sie sich wirklich einleben konnten.

Das Post-it

Schon erstaunlich, wie sich manche Büro-Utensilien emanzipieren, was für Karrieren sie hinlegen. Nehmen wir die "Lennon Wall" am Zentralen Regierungsgebäude von Hongkong. Während ihrer Regenschirm-Proteste gegen Repressionen aus Peking brachten Studenten dort Hunderte dieser bunten Klebezettel an mit Weisheiten und Appellen für Redefreiheit und Demokratie. Benannt wurde die lange Wall nach der "John-Lennon-Mauer" in Prag, die mit politischen Botschaften und Beatles-Zitaten bemalt ist. Unsere geliebten Post-its werden also aus zwei Gründen niemals verschwinden: Erstens braucht die Welt sie zur Demokratieförderung und Friedenssicherung. Zweitens: Wieso überhaupt Büro? Post-its machen sich an anderen Orten viel nützlicher - am Kühlschrank, in der Medikamentenschublade, an der Innenseite der Haustür, als Einkaufsliste, am Autoarmaturenbrett.

© SZ
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