bedeckt München 20°

Jobwechsel:Manche Unternehmen kümmern sich sogar um den Kitaplatz

Viele Mittelständler können so einen Handel nicht anbieten. Dort sehen Personaler, welche psychische Herausforderung ein beruflich bedingter Umzug für Kandidaten sein kann. Rudolf Kast etwa war 16 Jahre lang Personalleiter der Sick AG - Weltmarktführer in der Sensorik, global tätig mit 8000 Mitarbeitern, Stammsitz in Waldkirch am Fuße des Kandels. Gleitschirmflieger kommen gerne dort hin, Technik-Experten zögern. Die 20 000-Einwohner-Stadt liegt zwar unweit von Freiburg, viel Industrie gibt es aber in ganz Südbaden nicht. "Für potenzielle Kandidaten taucht die Frage auf: Was, wenn es mir in dem Unternehmen nicht gefällt?", sagt Kast. Dann müsste der Mitarbeiter wieder umziehen, nach Basel, Zürich oder Karlsruhe zum Beispiel.

Hilfreich kann es dann nach Kasts Erfahrungen sein, wenn das Unternehmen eine Firmenhistorie hat, die dem Kandidaten einen Eindruck von der Kultur gibt: "Wenn ein Unternehmen die Geschichte eines Gründers hat, dessen Erfindungen seiner Zeit weit voraus waren, dann ist es meist auch offen für das Tüfteln und Ausprobieren, das ist attraktiv für junge Leute", sagt Kast.

Bewerbung Wie viele Lügen sind im Lebenslauf erlaubt?
Bewerbung

Wie viele Lügen sind im Lebenslauf erlaubt?

Personaler erzählen, wie sie Schwindeleien und Lücken in der Vita erkennen und wann sie Konsequenzen ziehen.   Von Viola Schenz

Den potenziellen Mitarbeiter zu überzeugen, reicht jedoch nicht. Oft hängt die finale Entscheidung vom Partner ab. Wenn zwei Karrieren vereinbart werden müssen, sind Kleinstädte im Nachteil. Um Führungskräfte zu gewinnen, hat Kast auch schon Ehepartnern einen Job vermittelt, sogar in der Verwaltung oder im Schulwesen. "Dieser Service muss gemacht werden", sagt der Personalexperte, der heute Mittelständler berät und dem Netzwerk Demografie vorsteht. Wichtige Fachkräfte hat er zusammen mit dem Partner zu einem Wochenende mit Restaurantbesuch und Sightseeingtour eingeladen.

Auch wenn das längst nicht die Regel ist und der Aufwand nicht für jede Position geleistet wird: Dass in der Personalnot auch Kinder und Lebensgefährten geworben werden müssen, haben viele Firmen begriffen. Sie laden die Familien zum Betriebssport ein und sorgen für den Kitaplatz.

Manche Firmen zahlen hohe Prämien

Auf das soziale Umfeld seiner Mitarbeiter setzt auch Aramark - andersherum. Das Unternehmen zahlt Prämien an Mitarbeiter, die neue Kollegen werben und beobachtet, dass die vermittelten Freunde und Bekannten sich gut einfinden. Mehr als ein Viertel der vakanten Stellen hat Aramark im ersten Jahr des Programms so besetzt. "Ich glaube, unsere Mitarbeiter wissen sehr gut, wer zu uns passt", sagt Kloos. Für schwer zu besetzende Stellen gibt es eine sogenannte Turboprämie, der Maximalbetrag für die Werbung eines neuen Mitarbeiters liegt bei 2400 Euro.

Andreas Loroch liegt all das fern. Er hat vor zweieinhalb Jahren Vorsprung at work mitgegründet, das Unternehmen, für das Stephan Schwarzbach München verlassen hat. 40 Menschen verdienen dort inzwischen ihren Lebensunterhalt, einige haben zuvor in Berlin, Düsseldorf und Hamburg gearbeitet. Doch bei Loroch gibt es keine Entschädigungen für die grüne Wiese, er verspricht keine Positionen und zahlt keine Lockprämien: "All diese Maßnahmen zeigen, dass die Unternehmen in ihren Strukturen denken, aber nicht vom Menschen ausgehen", sagt er. Der wolle nämlich mit anderen zusammenarbeiten, lernen und sich entfalten und man müsse ihm nur die Möglichkeiten dazu geben. "Ich möchte niemanden davon überzeugen, seinen Lebensmittelpunkt nach Weinheim zu verlegen", sagt er - "aber ich freue mich, dass es klappt."