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Berufswahl:"Wir sollten machen, was wir können"

Kopfarbeit oder Handarbeit? Wer für sich den richtigen Beruf finden will, sollte sich Gedanken machen, welche tatsächlichen und gedanklichen Werkzeuge ihm Spaß machen.

(Foto: Cesar Carlevarino Aragon/Unsplash)

... und nicht unbedingt das, was uns interessiert. Psychologe Aljoscha Neubauer erklärt, warum Talente und Interessen oft erstaunlich weit auseinanderliegen - ohne dass wir es merken.

Können und Wollen - das sind oft zwei sehr verschiedene Dinge, meint Aljoscha Neubauer von der Uni Graz. Sehr viel verschiedener, als wir gemeinhin vermuten. Auch bei der Berufswahl. In seinem Buch "Mach, was du kannst" empfiehlt der Psychologe daher, sich bei der Suche nach dem richtigen Job weniger auf die Vorlieben und Neigungen zu verlassen. Sie führen uns schnell auf die falsche Fährte.

SZ: Herr Neubauer, Sie sagen, viele Menschen haben einen Beruf gewählt, der eigentlich gar nicht zu ihnen passt.

Aljoscha Neubauer: Zumindest einen, der nicht optimal zu ihnen passt. Wenn wir vor der Wahl stehen, was wir einmal machen wollen, sagen uns Freunde, Eltern und sogar Berufsberater: Folge deinen Interessen. Aber das ist gar kein so guter Rat.

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Warum nicht?

Weil unsere Interessen sich schnell wandeln können. Interessen sind instabil, sie werden vielfach auch von Stereotypen, von unserer Umwelt, Eltern oder Freunden geprägt. Und der Einfluss unserer Interessen auf den Berufserfolg ist gar nicht so groß, wie wir gerne vermuten. Viel stabiler über die Zeit und sehr viel wichtiger für den Job sind unsere Begabungen. Wir sollten bei der Wahl des Jobs eher auf unsere Begabungen und Talente achten. Wir sollten machen, was wir können.

Interessiert man sich in der Regel nicht für das, worin man auch gut ist?

Das denkt man, aber empirisch sind die Zusammenhänge erstaunlich klein. Auch viel geringer, als viele Psychologen lange dachten. Den Ergebnissen einer großen Metastudie aus der Schweiz zufolge korrelieren Fähigkeiten und Interessen gering bis allenfalls moderat miteinander. Im Umkehrschluss heißt das: Bei 30 bis 40 Prozent der Menschen stimmen Fähigkeiten und Interessen nicht gut überein.

Wer also sprachbegabt ist, interessiert sich zum Beispiel gar nicht für Bücher. Und wählt deswegen einen falschen Job?

Ich habe in Österreich den Talente-Check wissenschaftlich begleitet, das ist ein Berufsberatungsangebot für junge Menschen. Und dabei habe ich tatsächlich viele solcher Fälle erlebt. Ich habe zum Beispiel einen jungen Mann kennengelernt, der sich wie so viele junge Männer für Autos interessierte und deswegen unbedingt Kfz-Techniker werden wollte. Die erste Lehre hat er abbrechen müssen, er hat es noch einmal probiert und ist wieder gescheitert, dann kam er zu uns. Im Test kam heraus, dass sein räumliches Vorstellungsvermögen eher gering ausgeprägt war, vor allem die Fähigkeit, Gegenstände im Geiste zu drehen. Diese Begabung ist aber enorm wichtig für einen Techniker, der schnell entscheiden muss, wie ein Bauteil richtig in ein Auto eingesetzt wird. Dafür war der junge Mann sehr sprachbegabt und außerdem eher extravertiert. Er war kein guter Tüftler, aber ein sehr guter Kommunikator. Er hat dann umgesattelt auf Kfz-Kaufmann. Das passte.

Immerhin hatte er das Glück, dass es etwas gab, wo seine Interessen und seine Talente zusammenkamen.

Das ist die gute Nachricht. Es gibt heute sehr viele Berufsfelder, die scheinbar Gegensätzliches verbinden. Früher hieß es - auch in der Berufsberatung -, dass man zum Beispiel nicht gleichzeitig künstlerisch interessiert und ein guter Manager sein könne. Heute gibt es Jobs wie den des Kultur- oder Eventmanagers, der beides kombiniert. In einigen Berufen können wir die Tätigkeiten sogar selbst designen, wir können sogenanntes Jobcrafting betreiben und uns die Stelle zumindest teilweise auf den Leib schneidern.

Aber diese Möglichkeiten hat nicht jeder. Was, wenn die Berufe, die mich interessieren, so gar nicht mit denen zusammenpassen, in denen ich gut wäre?

Ich sage nicht, dass wir Dinge machen sollen, die uns gar nicht interessieren. Wer aber hohe Erwartungen an seine Karriere hat, für den ist es wichtiger, seiner Begabung zu folgen. Wer nicht hoch hinauswill, der kann eher die Interessen in den Vordergrund stellen. Wer viele Begabungen hat, hat den Luxus, dahin gehen zu können, wohin ihn seine Interessen tragen. Die meisten anderen müssen abwägen. Ich würde aber sagen: Der Appetit kann ja auch beim Essen kommen. Viele Frauen probieren technische Berufe gar nicht erst aus, obwohl sie schnell feststellen könnten, dass sie darin gut sind und ihnen die Tätigkeit vielleicht sogar Spaß machen würde. Das ist der Klassiker dafür, wie uns Interesse in die Irre leitet.

Aljoscha Neubauer

Aljoscha Neubauer ist Professor für Differentielle Psychologie an der Universität Graz.

(Foto: Christian Wind)

Dass sich der Arbeitsmarkt so streng in Männer- und Frauenjobs teilt, liegt also auch daran, dass wir in der Berufswahl zu selten den Begabungen folgen?

Ganz sicher. Es gibt in sehr wenigen Fähigkeiten wirklich bedeutsame Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Im sprachlichen Bereich sind Männer und Frauen gleich gut, obwohl es immer heißt, Frauen könnten sich besser ausdrücken. Auch im mathematischen Bereich sind die Unterschiede sehr gering. Die Stereotype werden übertrieben. Den einzigen bedeutsamen Geschlechtsunterschied gibt es in der bereits erwähnten mentalen Rotation, also der Fähigkeit, Gegenstände im Geiste zu drehen . Aber selbst da sind die Unterschiede keineswegs angeboren. Im Gegenteil. Studien zeigen, dass dieser Geschlechtsunterschied sehr schnell verschwindet, sobald Frauen ein bisschen trainieren. Zum Beispiel kann Tetris spielen schon helfen.

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Woran liegt es, dass unsere Fähigkeiten und Interessen so stark auseinanderfallen?

Wir sind eher schlecht darin, uns selbst richtig einzuschätzen. Das zeigen viele Studien. Fragt man beispielsweise 100 Autofahrer, antworten 97, dass sie überdurchschnittlich gut am Steuer sind. Was rechnerisch nicht hinkommen kann. Wir vermuten, dass unsere Selbsteinschätzungen vor allem bei Begabungen danebenliegen, die sozial sehr erwünscht sind. Unsere sprachlichen Fähigkeiten überschätzen wir eher als unsere mathematischen. Mit schlechten Mathekenntnissen kann man schließlich heute ganz offen kokettieren.

Und weil wir unsere Fähigkeiten falsch einschätzen, richten wir unsere Interessen ungünstig aus?

Wir haben kürzlich eine Untersuchung mit 17-jährigen Schülerinnen und Schülern gemacht. Die Ergebnisse haben wir noch nicht publiziert, aber sie gehen tatsächlich in diese Richtung. Wer seine sprachlichen Fähigkeiten eher überschätzte, interessierte sich für Berufe im Tourismus oder in der Kultur, die sprachliches Talent erfordern. Wer sein mathematisches Können überschätzte - was seltener vorkam -, der wollte eher in die IT oder in technische Berufe gehen.

Wie finden wir heraus, was wir können?

Im Laufe des Lebens gleichen sich Interessen und Fähigkeiten immerhin an. Die meisten von uns bekommen mit der Zeit Feedback, das ihnen weiterhilft. Aber gerade in der Lebensphase, in der wir uns für einen Beruf entscheiden sollen, liegt beides besonders weit auseinander. Man sieht das in den Casting-Shows im Fernsehen: Nicht wenige pubertierende Jugendliche wollen Popstar werden, in vielen Fällen bei absolut nicht vorhandener Begabung. Ich empfehle eine psychologische Berufsberatung, viel auszuprobieren und möglichst viele Leute fragen, die einen aus verschiedenen Kontexten wie Schule oder Freizeit kennen: Meinst du, dass ich das wirklich kann?

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