Berufsbetreuer Unsichere Zukunft für Betreuungsvereine

Dazu allerdings ist der Erhalt der Betreuungsvereine unabdingbar. "Deren zentrale Aufgabe ist es, Ehrenamtliche zu rekrutieren, sie zu unterstützen, fortzubilden und zu beraten", sagt Freter. Auch die Grünen-Politikerin Deligöz argumentiert in diese Richtung: "Wir wollen die freiwilligen Strukturen stärken", sagt sie, denn sie weiß: "Wenn die dramatische Lage der Berufsbetreuer und Vereine anhält, werden viele von ihnen ihre Tätigkeit beenden müssen." Im Ergebnis würden damit auch die ehrenamtlichen Betreuerinnen, die in den Vereinen tätig sind, wegfallen, sagt Deligöz. "Und das wird für das Gemeinwesen richtig teuer, denn die Betreuung müsste dann durch Freiberufliche rein hauptamtlich organisiert werden."

Derzeit steht die Existenz von 800 Betreuungsbüros samt ihrer freiwilligen Helfer auf der Kippe. Freter glaubt nicht, dass Berufsbetreuer die Lücke füllen können. "Die Mehrzahl der Berufsbetreuer sind bereits älter als 50 Jahre, viele davon reduzieren statt aufzustocken."

Barbara Mattolat hat inzwischen eine Parklücke vor dem Haus Residenzia gefunden, klemmt sich einen Aktenordner unter den Arm und betritt die Lobby. Ein Mann im Kapuzenpullover begrüßt sie. Mit seinem ordentlich gestutzten grauen Bart und der Brille wirkt er kompetent und zufrieden. "Er hatte schon schlimme Zeiten", sagt Mattolat. Sie setzt sich mit ihm an einen kleinen Tisch, auf dem Bett liegen zwei Haufen akkurat gestapelter Jacken. Sie blättert in ihrem Ordner und fragt die Themen Gesundheit, Arbeit und Kontakte ab. Der Mann ist freundlich, ab und zu senkt er den Kopf und verharrt einen Moment still.

Als er seinen Kalender vom Nachttisch holt, um den nächsten Termin zu vereinbaren, zittern seine Hände. Er bittet um Geld. Barbara rechnet ihm vor, dass er mit Taschengeld und den 30 Euro im Monat aus der Behindertenwerkstätte besser dastehe als andere. Er solle sich im Büro der Einrichtung regelmäßig eine Auflistung seiner Ausgaben geben lassen, um selber zu kontrollieren, wohin sein Geld verschwinde. "Na", sagt er, "da ärgere ich mich nur." Früher war er spielsüchtig. Sein Lebenstraum wäre es, als DJ zu arbeiten. Ob er ab und zu eine Disco besuche? "Na", winkt er ab. Mattolat ist dennoch zufrieden mit ihm. Sie beugt sich über den Tisch: "Sie sehen gut aus und sind fit. Wann sollen wir uns wieder treffen?"

Nach Pflegenotstand auch Betreuungsnotstand?

Auch die nächsten Besuche verlaufen zufriedenstellend. Die ehemals alkoholkranke Frau wird gerade von einer Pflegerin des ambulanten Dienstes gewaschen, als Mattolat die enge Wohnung des Siebzigerjahre-Wohnblocks in der Alpspitzstraße betritt. Die frühere Balletttänzerin in dem katholischen Altenheim erzählt, dass sie ein Bild mit Bär, Luchs und Vater gemalt habe. Der jungen Frau im Mutter-Kind-Haus überreicht die Betreuerin die Versichertenkarte fürs Baby.

Bei der letzten Station dieses Tages, im Wohnzimmer der jungen, an Schizophrenie erkrankten Frau, lacht Barbara Mattolat weniger häufig. Die blasse Frau mit den ungleichmäßig geschnittenen schwarzen Haaren wippt unablässig auf ihrem Stuhl vor und zurück. Sie überreicht Mattolat einen Stapel Papiere, der helfen soll, ihre Vermögensverhältnisse zu klären. "Ich weiß auch nicht", murmelt sie immer wieder.

Es ist inzwischen später Nachmittag, und Mattolat nimmt sich auf dem Rückweg nach Flitzing ein belegtes Brot aus der Tupperdose. Sie muss noch kurz ins Büro, um die Papiere durchzusehen, die sie auf ihrer letzten Station in Empfang genommen hat - die Scheidungsanwältin wartet auf Informationen. All die anderen drängenden Fragen bleiben erst mal liegen, es ist Wochenende. Ob nach dem Pflegenotstand der Betreuungsnotstand droht, will sie sich lieber nicht ausmalen.

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