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Soziale Berufe:Sozialarbeiter - gefragt wie noch nie

Andreas Berner, 2013

Der Schauspieler und Sozialarbeiter Andreas Berner hat in München das "Heldentheater" gegründet.

(Foto: Robert Haas)
  • Auf 100 arbeitssuchende Sozialarbeiter kommen aktuell etwa 500 freie Stellen.
  • Vor allem in der Arbeit mit Flüchtlingen werden viele Sozialarbeiter gesucht.
  • An der eher schlechten Bezahlung wird sich wohl aber nichts ändern.

Frage: Was sagt ein arbeitsloser Sozialarbeiter zu einem arbeitenden Sozialarbeiter? Antwort: "Einmal Pommes mit Majo bitte!" Dieser Witz ist aus der Zeit gefallen, Sozialarbeiter jobben heute nicht in der Frittenbude oder als Taxifahrer, sie sind auf dem Arbeitsmarkt sogar noch begehrter als Informatiker oder Ingenieure. Im Laufe des vergangenen Jahres verdoppelte sich die Zahl der offenen Stellen in sozialen Akademikerberufen, die der Bundesagentur für Arbeit gemeldet wurden.

Im April 2016 gab es schon 120 offene Stellen pro hundert arbeitslose Sozialarbeiter. Real liege das Verhältnis sogar bei fast 500 zu hundert, erklärt Oliver Koppel, Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Denn erfahrungsgemäß werden drei Viertel der offenen Stellen gar nicht erst der Agentur gemeldet, sondern über Internetbörsen, Anzeigen und persönliche Kontakte besetzt.

In den Jahren vor 2015 hatten Sozialarbeiter auch schon relativ gute Chancen, weil soziale Studiengänge an Beliebtheit eingebüßt hatten und es deshalb weniger Bewerber gab. "Der jetzige Boom ist aber eine unmittelbare Folge der Flüchtlingskrise", sagt Koppel. Kommunen und freie Träger wie die Arbeiterwohlfahrt (AWO), die Diakonie oder die Caritas brauchen dringend Fachkräfte, um Flüchtlinge zu betreuen und Hilfsangebote zu koordinieren. "Sozialarbeiter werden wie blöd gesucht, vor allem auf dem Land", sagt Katharina Vogt, AWO-Referentin für Flüchtlingspolitik. "Auch in vielen Städten ist es sehr schwer geworden, die Stellen zu besetzen." Nur an Standorten von Fachhochschulen, die Sozialarbeiter ausbilden, finde man noch genügend Bewerber.

Neue Studiengänge

Master in Migration

Die Fachhochschulen haben schnell auf den großen Weiterbildungsbedarf in der Flüchtlingssozialhilfe reagiert.   Interview von Miriam Hoffmeyer

"Die Leute kommen mit allem zu mir, ob sie einen Hautausschlag haben oder die Handykarte nicht funktioniert"

Anna Drayß machte vor zwei Jahren ihren Bachelor-Abschluss in Sozialarbeit. Eine Woche später fing sie als Leiterin einer Asylunterkunft in Stuttgart an. Um den Job konkurrierten damals etwa 50 gut qualifizierte Bewerber, Drayß bekam ihn auch deshalb, weil sie schon während des Studiums jahrelang ehrenamtlich Flüchtlinge betreut hatte. Heute leitet die 24-Jährige zusammen mit einer Kollegin eine Unterkunft der AWO im Stadtteil Zuffenhausen. In dem Verwaltungsgebäude einer ehemaligen Brotfabrik leben etwa 150 Flüchtlinge, ein Drittel sind Kinder und Jugendliche. Die meisten stammen aus Syrien, dem Irak oder aus Eritrea.

Vormittags ist es ruhig auf den breiten Korridoren, nur ein kleines Mädchen kehrt gerade aus der Schule zurück zu seinen Eltern, die in einer Gemeinschaftsküche Mittagessen kochen. Ein älterer Gambier kommt auf Anna Drayß zu, er möchte nicht, dass in seinem Zimmer ein ihm unbekannter, neuer Mitbewohner einzieht. Doch schließlich lässt er sich überzeugen, dass auch das dritte Bett belegt werden muss.

"Meine Hauptaufgabe ist, den Leuten dabei zu helfen, dass sie im Alltag Fuß fassen, einen geregelten Tagesablauf bekommen", sagt die Sozialarbeiterin. Sie sorgt dafür, dass die Kinder zur Schule gehen und die Erwachsenen an Deutschkursen und Freizeitangeboten teilnehmen können, organisiert Termine bei Behörden und Beratungsstellen, vermittelt Firmenpraktika und sucht Therapieplätze für Traumatisierte. Jeden Tag von zwölf bis 14 Uhr ist offene Sprechstunde in ihrem Büro. "Die Leute kommen eigentlich mit allem zu mir, ob sie einen Hautausschlag haben oder die Handykarte nicht funktioniert - aber ich kann natürlich nicht alles für sie erledigen!"