Beruf Waffenentwickler:Mit der Kultur-Schickeria diskutiert es sich schlecht

Letztlich, sagt Buschek, sei es immer eine Abwägung: der Nutzen, den der Ingenieur stiftet, gegen die fatalen Fehler, an denen er seinen Anteil haben wird. Das klingt dann plötzlich doch nach einer recht großen Frage, die der Entwickler mit sich herumträgt, auch wenn es zwischen Spargelröllchen und Bodenseekulisse nicht so wirken will.

Grafik: Rüstungsmanager reisen mit Merkel & Co.

Von allen wichtigen Büros des Firmencampus aus hat man einen Blick über den See, hinüber zur Stadt Konstanz auf der anderen Seite. Kirchtürme wie kleine Streichhölzer. Eine andere Welt. Konstanz ist eine Studentenstadt. In Konstanz regiert ein grüner Oberbürgermeister. Es regiere, wie der Chef von Harald Buschek mitteilt, eine linke Kultur-Schickeria: alle sehr selbstgerecht, eine Diskussion lohne da nicht immer.

Diesseits des Bodensees hingegen, wo neben der Waffenschmiede Diehl noch der Kampfjet-Hersteller Cassidian und der Panzermotorenbauer Tognum sitzen, laufen die Diskussionen anders, auch an den Schulen. Wenn Buscheks siebenjährige Tochter fragt, was Papa in der Arbeit mache, dann sagt er: "So wie Silvesterraketen. Aber noch größer."

Buschek vermutet, dass sie in ein paar Jahren schwierigere Fragen stellen könnte. Doch dann werde sie auch alt genug sein, um eine schwierigere Antwort zu vertragen, eine Antwort, so komplex wie die Welt: Es gibt böse Menschen auf der Welt, und um diese davon abzuhalten, dass sie einem wehtun, muss man sich schützen. Dies ist die komplexe Antwort.

Als Buschek zum ersten Mal mit Raketen in Berührung kam, schrieb er gerade seine Doktorarbeit in den USA, die Nasa hatte sein Talent für Aerodynamik entdeckt und ließ ihn für gutes Geld Algorithmen schreiben, um Astronauten schneller nach Hause zu bringen. Bis einmal ein Auftrag der US-Armee kam. Es ging um die Steuerung von Kampfhubschraubern. Und wie reagiert ein junger Mann von nicht einmal 30 Jahren auf diese Bitte? Ein junger Deutscher zudem, der gerade erlebt, wie die USA den ersten Irak-Krieg führen, wie die Gewalt im Nahen Osten eskaliert, wie Saddam Hussein sich in einem Bunker aus deutscher Produktion verschanzt hält, wie er Israel mit Raketen beschießt und zudem mit Giftgas bedroht, auch dieses teilweise hergestellt mit deutscher Ingenieurskunst?

Der Flugkörper denkt mit

Es ist eine Zeit, in der sehr präsent ist, was Ingenieure anrichten können - und auch, wie durchlässig das deutsche Exportrecht sein kann. Wie er darauf reagiert habe, fragt Buschek zurück. Gar nicht besonders. Er erzählt von den technischen Herausforderungen. Die seien hochinteressant gewesen.

Es gibt eine technische Innovation, auf die Harald Buschek persönlich stolz ist, in Fachzeitschriften für Wehrtechnik wird sie gerade mit großer Anerkennung besprochen: Neuerdings können sich Flugkörper noch während des Fluges neue Informationen, die für einen Abbruch der Mission sprechen könnten, selbständig vom Boden holen. Technisch ist das ein Kunststück, und humanitär bedeutet es: Fatale Fehler könnte man so künftig besser vermeiden.

Heißt das, Buschek hat viel Geld in eine neue technische Entwicklung gesteckt, die eher für weniger als für mehr Schlagkraft sorgt? Ach was, sagt er. Diese Innovation war nicht seine Idee, sie war eben der Wunsch von Seiten eines Kunden, der Bundeswehr. "Dann geben wir natürlich unser Bestes."

© SZ vom 30.06.2012/jab
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