Arbeitsmarkt Fast die Hälfte der Azubis gibt auf

Mehr als 40 Prozent aller angehenden Hotelfachkräfte lösen ihren Vertrag vor dem Abschluss ihrer Ausbildung auf. Das steht im aktuellen Berufsbildungsbericht des Bildungsministeriums, der auf Zahlen von 2016 beruht. So eine Auflösung bedeutet nicht immer gleich den Ausbildungsabbruch - auch der Wechsel in einen anderen Betrieb oder eine Umfirmierung können Gründe sein. Nach Erhebungen der Industrie- und Handelskammern handelt es sich bei der Hälfte aller Fälle um wirkliche Abbrecher - das heißt aber immer noch: Jeder Fünfte hört schon in der Lehre auf.

Laut dem Dehoga ist dafür ein "riesiges Sammelsurium" an Gründen verantwortlich. Etwa, dass sich der Auszubildende unter dem Beruf etwas Anderes vorgestellt hat, sagt Verbandsangestellte Warden. Oder dass Lehrling und Betrieb "keinen Draht zueinander" finden. Für den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der DIHK, Achim Dercks, spielt auch hier wieder der aktuelle Wettbewerb ein Rolle: "Jugendliche lösen leichter einen Vertrag auf, wenn sie über Alternativen verfügen."

Die großen Hotelketten spüren den Personalmangel noch nicht so schmerzlich. Zwar gehen auch bei ihnen die Bewerberzahlen zurück, "aber wir können uns unsere Auszubildenden immer noch aussuchen", sagt Dagmar Mühle, die Hoteldirektorin des Hilton am Flughafen München. Etwa 80 Prozent der Lehrlinge bleiben nach der Ausbildung in ihrem Betrieb, so Mühle.

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Damit das so bleibt, legt sich das Unternehmen mächtig ins Zeug: Auf Jobmessen im In- und Ausland buhlt das Flughafenhotel um Nachwuchs, es ist mit den Schulen in der Region vernetzt. "Beim Personalwesen geht es mittlerweile mehr um Marketing als um die Verwaltung von Akten", sagt Personalchefin Nicole Thielking und lacht. Außerdem lockt Hilton mit zahlreichen Vergünstigungen, mit strukturierten Arbeitszeiten und internen Weiterbildungsmöglichkeiten.

Ein weiterer wichtiger Punkt für junge Hotelfachkräfte: Sie können unkompliziert Auslandserfahrung sammeln. Direktorin Mühle hat in ihren 40 Berufsjahren unter anderem in Hilton-Hotels in England, Frankreich, Spanien, den USA und Asien gearbeitet - ohne den Arbeitgeber wechseln zu müssen. All das können die mittleren und kleinen Hotelbetriebe, die weiterhin das Gros der Branche ausmachen, kaum leisten. Die Möglichkeiten der häufig familiengeführten Hotels sind beschränkt - finanziell wie personell.

Dabei sind es gerade die kleinen, unbekannten Betriebe auf dem Land, die unter dem Fachkräftemangel am meisten leiden. Sie müssen ihre Öffnungszeiten einschränken, die Speisekarte verkleinern, die Arbeitszeit der Mitarbeiter verlängern. Der Dehoga rät kleinen Unternehmen, sich bei der Suche nach Auszubildenden zusammenzutun oder auf die Hilfe von Verband und Arbeitsagentur zurückzugreifen. Um die Mitarbeiter zu halten, sei es wichtig, "die Freude an der Arbeit zu erhalten", sagt Warden. Wertschätzung, Feedback und ein angenehmes Arbeitsklima seien essenziell. Also eigentlich Dinge, die jeder noch so kleine Betrieb seinen Mitarbeitern geben kann.

Was Verband, Unternehmen und Arbeitsagentur aber auch immer wieder versichern: Es werde besser, die Arbeitgeber strengen sich an und stellen sich um, und die Branche wächst kräftig: In den vergangenen zehn Jahren wuchs die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 36 Prozent.

Auszubildende Alexandra Stangl fühlt sich in ihrem Beruf wohl, sagt sie. An der Münchner Rezeption hat sie noch gut zu tun. Das Lächeln fällt ihr aber nicht schwer, im Gegenteil: "Ich freue mich immer, wenn jemand kommt." Wenn sie von ihrem Beruf erzählt, werde sie oft gefragt, wie das denn so wäre mit den Schichten und der schlechten Bezahlung. "Dabei ist es doch gar nicht so schlimm, wie alle sagen." Nach ihrer Ausbildung will sie gerne mal im Ausland arbeiten, in einem anderen Hilton. Und selbst wenn das nicht funktionieren sollte: An Angeboten wird es ihr europaweit so schnell nicht mangeln.