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Ausbildung:Du bist, was du lernst

Brandenburgisches Handwerk bleibt in Hochstimmung

Im Handwerk fehlen seit Jahren Azubis.

(Foto: dpa)
  • Für Jugendliche ist das Ansehen bei der Berufswahl der wichtigste Grund.
  • Schüler haben Zweifel, ob sie nach einer Ausbildung gesellschaftlich anerkannt werden.

Die richtigen Turnschuhe, das neueste Smartphone, die Marke der Jeans: Status und Image spielen für Jugendliche eine große Rolle. Forscher haben nun herausgefunden, dass das in hohem Maße auch für die Berufswahl gilt. Streng genommen ist das keine sonderlich überraschende Erkenntnis. In der Studie aber, die das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) an diesem Donnerstag veröffentlichen will, werden Status und Ansehen sogar als Einflussgröße Nummer eins genannt.

Besonders für das Handwerk ist das ein Problem. Von 2009 bis 2017 habe sich die Zahl der unbesetzten Lehrstellen im Handwerk verdreifacht, heißt es in der Studie, die der SZ vorab vorlag. 2017 blieben zehn Prozent der Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt, in Industrie, Handel und den anderen Wirtschaftszweigen nur gut acht Prozent. Der Trend zum Studium und die demografische Entwicklung treffen das Handwerk besonders, weil die traditionelle Klientel der Hauptschüler weniger wird, die wachsende Zahl der Abiturienten aber bislang eher selten an einer Handwerksausbildung interessiert ist. Die Imagefrage kommt dann noch dazu.

Um die auszuleuchten, wurden für die Studie 1755 Neunt- und Zehntklässler allgemein- und berufsbildender Schulen befragt. Nur 27 Prozent der Jungs und sieben Prozent der Mädchen konnten sich vorstellen, eine handwerkliche Ausbildung zu machen. "Besonders gravierend sind die Zweifel der Jugendlichen, ob ihnen die Handwerksberufe zu einer anerkannten sozialen Identität verhelfen können", heißt es in der Studie. Gerade diese Aspekte seien den Jugendlichen besonders wichtig; neben dem Wunsch nach einer abwechslungsreichen Arbeit. Die Besonderheiten und Stärken der Handwerksberufe spielen für diese Schüler dann gar keine Rolle mehr.

Azubi-Wohnheime oder -Tickets könnten das Image aufbessern

Besonders schwer wiegen die Erwartungen des familiären Umfelds. Wenn die Jugendlichen wissen, dass ihre Eltern das Abitur von ihnen erwarten, wirkt das extrem negativ auf ihre Neigung, einen Handwerksberuf in Erwägung zu ziehen. Handwerksaffiner sind Jugendliche, bei denen mindestens ein Elternteil selbst eine Handwerksausbildung hat. Ein Imageproblem hat das Handwerk aber selbst unter diesen Schülern, da auch sie Ansehen und Gehaltschancen als eher mäßig einschätzen. Und: Das handwerksaffine Milieu schrumpft.

Die Studie zeigt auch, dass viele Schüler offenbar - trotz der vielen Kampagnen des Handwerks - immer noch wenig wissen über Aufstiegschancen und Möglichkeiten, sich selbständig zu machen. Zwischen den Einschätzungen der Schüler zu diesen Aspekten eines handwerklichen Berufs und den Einschätzungen von Fachleuten, in diesem Fall Ausbilder, klafft eine große Lücke. Beim Ansehen allerdings bewerten auch die Ausbilder die Handwerksberufe meist eher nüchtern.

Gibt es in dieser Gemengelage Hoffnung fürs Handwerk? Die Studie lässt den Schluss zu: ja, durchaus. Denn auch wenn das Handwerk längst diverse Charmeoffensiven gestartet hat, um Jugendliche zu gewinnen - Werbekampagnen, Auftritte in sozialen Netzwerken, Praktika, neue Ausbildungsformen für Abiturienten -, wissen die Jugendlichen offenbar nach wie vor nicht sonderlich viel über die verschiedenen Ausbildungen. Und dieses Nichtwissen führt den Wissenschaftlern zufolge dazu, dass die Schüler die Berufe unterschätzen.

Die Autoren der Studie empfehlen allerdings zusätzlich zu berufsorientierenden Maßnahmen "dringend" auch "identitätspsychologische". Das aber ist kein leichtes Unterfangen. Denkbare Wege wären der Studie nach die (schwierige) Einbeziehung der Eltern, indirekte Signale für die Gleichwertigkeit von Ausbildung und Studium durch Azubi-Wohnheime, Azubi-Tickets im Nahverkehr, aber auch Ausbildungsbotschafter am Gymnasium. "Eine junge Auszubildende mit höherem Schulabschluss, die sich bewusst für einen männertypischen Handwerksberuf, wie zum Beispiel Klempner oder Metallbauer, entschieden hat, hat eine emotional wesentlich bedeutsamere Wirkung auf die Schülerinnen und Schüler als eine Broschüre", sagt BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser.