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Aufsichtsräte von DAX-Konzernen:Praxiserfahrung ist unwichtig

Ein ganzer Haufen ehemaliger Politiker hat sich im Aufsichtsrat der RWE versammelt: der Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, Ullrich Sierau, der Landrat des Rhein-Sieg-Kreises, Frithjof Kühn, der ehemalige Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm, Roger Graef, und, man höre und staune, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Politik und Energie ist bekanntlich dasselbe.

Und weiter geht's. Wenn man mit dem Kompetenzkamm durchs haarige Geflecht der Dax-Aufsichtsräte streicht, fällt so manche Schuppe von den Augen: Bei Heidelberg-Cement sitzt im Aufsichtsrat ein Sozialpädagoge, der ein Projekt für straffällige Jugendliche leitet. Nein, kein Betriebsrat-Fuzzi, Anteilseigner-Ticket! Tobias Merckle heißt der Mann und agiert dort zusammen mit seinem Bruder Ludwig. Nach dem Suizid des Vaters, Unternehmer Adolf Merckle, rettet der eine die Welt und der andere das Erbe. Das sind Fähigkeiten, die im Aufsichtsrat des größten deutschen Baustoffkonzerns von enormer Wichtigkeit sind. Das kann eine Frau gar nicht mitbringen. Woher denn?

Bei der SAP sitzt schon seit 1988 der Rechtsanwalt, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Wilhelm Haarmann; bei Adidas der Schwimmweltmeister Alexander Popow, der außer ein paar Goldmedaillen noch Kenntnisse aus seinem Studium an der Sportakademie mitbringt. Den BASF-Vorstand kontrolliert ein Chemiker vom Laboratorium für Organische Chemie der ETH Zürich namens François Diederich, der unglaublich viel von der Erstsynthese von Kekulen, also speziellen polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, versteht - im Aufsichtsrat von unschätzbarem Wert!

Nicht gleich nervös werden

Henkel wird kontrolliert von dem Astrophysiker Kaspar von Braun, dem Banker Ferdinand Groos sowie den Vermögensverwaltern Boris Canessa und Theo Siegert. Bei deren Prüfung der Vorstandsberichte über die Geschäftsentwicklung von Tapetenkleister, Shampoo und Deoroller würde man gern Mäuschen spielen.

Noch ein Beispiel für die unverzichtbare männliche Kompetenz in deutschen Aufsichtsräten? Na, einen haben wir noch: BMW ist ein Musterbeispiel deutscher Ingenieurskunst, kombiniert mit höchster Managementexpertise. Und wer sitzt im Aufsichtsrat dieses Weltkonzerns, dessen Produkte den Ruhm der Wirtschaftsnation Deutschland in die Welt fahren?

Reinhard F. Hüttl, ein deutscher Forst- und Bodenwissenschaftler, Stefan Quandt, Sohn, und Susanne Klatten, Tochter (ups, eine Frau, kann die das?), sowie - Achtung! - als Aufsichtsratsvorsitzender Joachim Milberg, ein gestandener Wissenschaftler, promoviert und habilitiert, der im zarten Alter von fünfzig Jahren von der Technischen Uni zu BMW wechselte, und zwar - na klar, der Mann ist ein Mann! - direkt in den Vorstand, wo er sechs Jahre später sogar zum Vorstandsvorsitzenden aufstieg. Insgesamt neun Jahre Praxiserfahrung, das reicht für einen seines Geschlechts. Klar, dass so einer in verschiedenen Aufsichtsräten mitmischt: bei Festo, bei Bertelsmann, bei John Deere und SAP, bei ZF Friedrichshafen und der Allianz, bei der Leipziger Messe, bei MAN und bei Shell.

Und solche Kerle sollen jetzt ausscheiden, nur damit mehr Frauen in Aufsichtsräten Platz nehmen können? Vielleicht eine von den 438 Uni-Professorinnen für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Physik, Biologie, Chemie und Technik) oder irgendeine von den Tausenden hochqualifizierten Frauen, die in den vergangenen zwanzig Jahren an den internationalen Wirtschafts-Fakultäten und Managementschulen beste Abschlüsse und seither vielfältigste Karriere gemacht haben? Na ja, jetzt wollen wir mal nicht gleich nervös werden!

Zur Autorin

Angela Hornberg, 55, ist selbständige Personalberaterin. Vorher arbeitete sie zehn Jahre lang als Investmentbankerin. In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Frankfurt hat sie Diversität in Aufsichtsräten untersucht.