Arbeitsrechtler im Interview "Wer klaut, gehört gekündigt"

Vier Maultaschen stibitzt und deshalb den Job verloren - ist das fair? Ja, sagt der Jurist Volker Rieble: "Auch wer nur fünf Cent stiehlt, muss rausgeschmissen werden."

Interview: Julia Bönisch

Das Arbeitsgericht Radolfzell befasst sich mit der fristlosen Kündigung einer Altenpflegerin, die in einem Pflegeheim abends vier Maultaschen mitgenommen hat, um sie selbst zu essen. Volker Rieble, Professor für Arbeitsrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor des Zentrums für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen, hält die Kündigung für rechtens. Er sagt: Wer klaut - auch wenn es sich nur um Centbeträge handelt - muss seinen Job verlieren.

Griff in die Kasse: Kündigungen wegen vermeintlicher Kleinigkeiten und Centbeträgen haben in den vergangenen Monaten für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

(Foto: Foto: ddp)

sueddeutsche.de: Kündigungen wegen vermeintlicher Kleinigkeiten haben in den vergangenen Monaten für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Heute etwa geht es vor Gericht um die Entlassung einer Altenpflegerin, die vier Maultaschen geklaut hat, um sie selbst zu essen. Herr Rieble, ist eine Kündigung wegen solch eines Vergehens wirklich gerechtfertigt?

Volker Rieble: Natürlich ist sie das! Soweit mir der Fall bekannt ist, argumentiert die Pflegerin so: Da sie noch zu einer betriebsinternen Fortbildung musste und keine Zeit für eine Fahrt nach Hause hatte, habe sie sich bei den Maultaschen bedient. Dabei ist es doch ihr Problem, wie sie ihren Alltag so organisiert, dass sie genug zu essen bekommt. Sie kann sich doch nicht einfach beim Arbeitgeber bedienen, nur weil sie Hunger hat!

sueddeutsche.de: Vier Maultaschen kosten das Pflegeheim nur ein paar Euro. Muss man deswegen wirklich jemanden vor die Tür setzen, oder hätte nicht auch eine Abmahnung gereicht?

Rieble: Eine Abmahnung ist keine ernstzunehmende Sanktion. Da reißt sich die Frau ein Jahr lang zusammen - und dann macht sie's wieder. Wenn wir solche Vergehen nicht ahnden, brechen Dämme, das Klauen schleift sich ein und es ist zum Kollegendiebstahl nicht weit. Sie gehen doch auch nicht an die Schublade ihrer Kollegin und nehmen sich einfach einen Schokoriegel heraus. Sie würden immer fragen - und genau das hätte die Altenpflegerin auch tun können.

sueddeutsche.de: Vermutlich hat sie sich gedacht, dass es schon in Ordnung sein wird.

Rieble: Jeder Arbeitnehmer weiß doch, dass ein Diebstahl zur fristlosen Kündigung führen kann. Warum nimmt sie die Maultaschen trotzdem? Ganz einfach: Weil sie glaubt, sie kommt damit davon, weil es schon keiner bemerken wird. Schärfer kann man Unrechtsbewusstsein doch gar nicht definieren.

sueddeutsche.de: Wie beurteilen Sie die anderen Fälle, die in der jüngsten Zeit für Aufregung gesorgt haben? Etwa den eines Mitarbeiters, der sein Handy am Arbeitsplatz aufgeladen hatte und wegen Stromklaus entlassen wurde.

Rieble: Hier fehlt der Vorsatz. Dem Mann war vermutlich gar nicht bewusst, dass er seinem Arbeitgeber schadet. Im Falle des Müllmannes, der das Kinderbett mitgenommen hat, sieht die Sache allerdings anders aus. Das Gericht hat entschieden, dass die Entsorgungsfirma den Mann wieder einstellen muss, doch das war meiner Ansicht nach eine krasse Fehlentscheidung. Der Arbeitnehmer wusste, dass er den Müll nicht mitnehmen durfte, er hat einer Anweisung zuwidergehandelt.

sueddeutsche.de: Der Müll gehört doch niemandem, die Firma hätte das Kinderbett nur vernichtet.

Graue Haare kommen mir nicht in die Firma!

mehr...