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Abschied im Job:Ich danke den meisten

Kolumne #endlichfreitag

Ein letzter Gruß gehört im Arbeitsleben zum guten Ton. Was noch nichts über den Ton der Abschiedsmail aussagt.

(Foto: SZ.de/Katharina Bitzl)

Am Ende steht die Abschiedsmail. Die nutzt manch scheidender Kollege für versteckte Botschaften. Ein anderer sagt laut und deutlich: "Leckt mich!"

Von Johanna Bruckner

"Adieu" steht in der Betreffzeile. Ein einziges Wort, das doch so viel aussagt über den scheidenden Kollegen: stilvoll selbst im Abgang. "Welche Worte wird er noch wählen?", fragt sich die Arbeitnehmerin beim Doppelklick auf die Abschiedsmail. Wird er den legendären Cole Porter zitieren? "Ev'ry time we say goodbye, I die a little." Oder hat er in seinen letzten Worten an den Büroverteiler womöglich geheime Botschaften versteckt - wie neulich der Kollege aus der Technik?

Der lud zur "besten Uhrzeit" um 13:37 Uhr zum Umtrunk in seinem Büro. 1337 steht in der "Leetspeek" - dabei werden Buchstaben durch ähnlich aussehende Ziffern ersetzt - für: Elite. Doch für die aktuelle Abschiedsmail braucht die Arbeitnehmerin kein IT-Insiderwissen. Sie ist schlicht. Und unmissverständlich.

Er habe sich nicht träumen lassen, in seinem Alter beruflich noch einmal neu anfangen zu müssen, schreibt der Kollege. Und endet mit: "Ich danke den meisten für die gute Zusammenarbeit." Das Ungesagte in Richtung Geschäftsführung ist dabei laut und deutlich: "Leckt mich!"

Kündigung in Kuchenform

Die Abschiedsmail gehört in der digitalisierten Arbeitswelt zum guten Ton. Je nachdem, ob der Mitarbeiter das Unternehmen freiwillig verlässt oder mehr oder weniger offensichtlich gegangen wird, variiert ihr Inhalt. Vom rührigen Rückblick, Betreffzeile: "Time to say goodbye :(", über die 83 Namen umfassende Danksagung (inklusive Mutter und Kater "Pfötchen") bis zur trotzigen Abrechnung ist alles dabei.

Wobei eine passiv-aggressive E-Mail (siehe oben) natürlich nicht die einzige Möglichkeit ist, seine Kündigung zu zelebrieren. Wer über ein bisschen Fantasie und das nötige technische Equipment und Know-How verfügt, dreht heute ein Video. Der Hotelangestellte Joe "Joey" DeFrancesco bestellte eine Blaskapelle ein, um sich von seinem Chef zu verabschieden; die Amerikanerin Marina Shifrin schrieb den Kanye-West-Song "Gone" um. Sehr viel süßer verkündete der Flughafenbedienstete Chris Holmes seinen Weggang: Der Bäcker aus Leidenschaft überreichte seine Kündigung in Kuchenform.

Der Abschiedsschmerz bei den Zurückbleibenden dürfte wohl in allen drei Fällen groß gewesen sein. Kollegen gehen ja ganz unterschiedlich mit einer Kündigung um. Verkündet die intrigante Karrieristin im Meeting, dass sie nun bereit sei "für den nächsten Schritt", geht fünf Minuten nach Meeting-Ende eine Rundmail herum: "Wer kommt mit feiern?" Und auch dem Kollegen "Patschehand", der selbige mit Vorliebe auf dem unteren Rücken (also ganz weit unten) weiblicher Mitarbeiterinnen platziert, wird keine Träne nachgeweint.

Das Arbeitsleben ist kein Howard-Carpendale-Schlager

Aber das sind die Ausnahmefälle. Zieht die Lieblingskollegin der Liebe wegen in eine andere Stadt oder steigt der Lieblingskollege in die Firma des Vaters ein, dann trägt die Bürogemeinde Trauer. Da helfen auch Sätze wie "Aber ihr müsst mich ganz oft besuchen kommen!" oder das Versprechen "Wenn ich den Laden an die Wand fahr', komm' ich zurück!" nicht. Denn insgeheim wissen alle: Das Arbeitsleben ist kein Howard-Carpendale-Schlager, das Arbeitsleben ist Cole Porter.

Ev'ry time we say goodbye, I die a little.

Liebe Leser, auch ich möchte mich an dieser Stelle verabschieden. Dies war die letzte Folge von #endlichfreitag. Ich sage danke und - wie mein Großvater zum Abschied zu sagen pflegte: Habe die Ehre.

© SZ.de/jobr/mkoh/dd

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