Wissenschaftsgeschichte "Cannabis ist für die USA nicht von Bedeutung"

Bald hatte Mechoulam die Hauptbestandteile isoliert. Alle waren von einem ähnlichen Typ, aber nur zwei Stoffe kamen in größerer Menge vor. Er reichte sie an einen Freund weiter, der an Rhesusaffen forschte. Die Äffchen reagierten nur auf einen der beiden Stoffe: Das THC ließ sie matt im Gehege herumliegen. Dennoch tat sich Mechoulams Team schwer damit, Forschungsgelder einzuwerben. Bei den National Institutes of Health (NIH) lautete die Antwort: "Cannabis ist für die USA nicht von Bedeutung."

Wichtig wurde das Thema erst, als sich höhere Stellen Sorgen machten. "Offenbar war der Sohn eines Senators mit Pot erwischt worden", erzählt Mechoulam. Daraufhin schickten die NIH einen Pharmakologen, der den Weltvorrat an reinem THC in ein amerikanisches Labor überführte: knapp zehn Gramm. Seitdem unterstützten ihn die Amerikaner großzügig, 45 Jahre lang. "Sie kamen mir nie in die Quere."

Die nächsten Jahre leistete Mechoulam Fleißarbeit, fischte weitere Cannabinoide aus dieser "schrecklichen Suppe" an Verbindungen, rund 400 Substanzen sollen es sein. Auch andere Forscher wandten sich dem Thema zu. Und das stiefmütterlich behandelte, weil kaum aktive Cannabidiol, der zweite Hauptbestandteil, hatte seinen Auftritt. Heute weiß man auch dank Labormäusen aus Jerusalem, dass CBD exzellent gegen Entzündungen wirkt, das Wachstum von Tumoren hemmen und bei Arthritis helfen kann.

Die Liste der Laborerfolge ist lang, doch am Menschen fehlen Studien

In Kooperation mit einem Institut in São Paulo führte Mechoulam 1980 die bis heute einzige abgeschlossene klinische Studie zur Wirkung von Cannabis auf Epilepsie durch. Die eine Hälfte der Patienten hatte keine Krampfanfälle mehr, die andere wesentlich weniger. "Wir publizierten die Studie. Und nichts passierte." Es ist ein Satz, den Mechoulam oft sagt.

Mechoulam plädierte als einer der ersten dafür, Marihuana mit hohem CBD-Anteil zu züchten. Asthma, Autoimmunerkrankungen, Bruchverletzungen, Diabetes, Epilepsie, Knochenmarktransplantationen, Krebs-Metastasen, Morbus Crohn, Multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis, Schizophrenie: Die Liste der Laborerfolge mit Cannabidiol ist lang. Der Beweis am Menschen ist jedoch noch kaum erbracht.

1995 wagte sich Mechoulam an ein Tabu: Er testete THC an Kindern. Seit Jahren war bekannt, dass THC nicht nur ein probates Mittel gegen das posttraumatische Stresssyndrom ist - in Israel werden Soldaten und Holocaust-Überlebende damit behandelt -, sondern auch die Nebenwirkungen bei Chemotherapien reduziert. Unter Aufsicht einer Kinderärztin in Jerusalem ließ Mechoulam den jungen Patienten THC verabreichen, in so geringen Dosen, dass psychoaktive Nebenwirkungen nicht zu befürchten waren. Die Hälfte der Teilnehmer erhielt Placebos, aber die Ärztin beschloss nach wenigen Tagen, allen THC zu geben. "Sie sah auf einen Blick, wem es besser ging." Erneut hoffte Mechoulam, das sei der Auftakt für groß angelegte Studien. Aber wieder passierte nichts.

In Beit Shemesh, 30 Kilometer von Jerusalem entfernt und eine Hochburg der orthodoxen Juden, sitzt einer, der versucht, aus medizinischem Cannabis Geld zu machen. Saul Kaye ist Gründer von iCan, einem Risikokapital-Fond, der sich auf Produkte rund um Cannabis spezialisiert. "Wir Juden waren früh im Internet, wir sind Pioniere im Cyberspace", sagt Kaye. Und jetzt soll Israel den Cannabis-Markt erobern, schließlich ist das Land auch eine Nation der Kiffer.

Die Schamanen der Bewegung lud Kaye im März nach Tel Aviv ein, zur "Cannatech". Ethnologen hätten ihre Freude gehabt an der wilden Mischung aus ergrauten Dreadlocks, Wall-Street-Anzügen, Hipsterbärten und gehäkelten Siedler-Mützchen. Kaye hatte wie die meisten bald einen Joint oder einen Hightech-Verdampfer im Mund. Am Büfett tropfte ein Gast Chilisauce mit THC in die Snacks, an den Ständen gab es Gadgets zu bewundern: vollautomatische Treibhäuser fürs Wohnzimmer, handgefertigte Extraktions-Apparate, Cannabis-Popcorn.