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Medizin:Der Hype um den Hanf

Kalifornien: Marihuana für medizinische Zwecke

Die Nachfrage nach medizinischen Cannabis-Produkten steigt stark. Doch nicht nur chronische Kranke interessieren sich dafür.

(Foto: Matt Masin/Zuma/dpa)
  • Gut ein halbes Jahr nach der Reform ist unter deutschen Ärzten der Streit über das Gras und dessen Wirksamkeit in vollem Gange.
  • Derweil steigt die Zahl der Anträge auf Kostenübernahme einer Cannabis-Behandlung bei den Krankenkassen steil an.
  • Kritiker allerdings bemängeln, die Reform von Gesundheitsminister Gröhe habe bei vielen Patienten falsche Hoffnungen geweckt.

Die Abteilung ist im Souterrain untergebracht, nach dem Eingang gleich links und dann einmal die Treppe runter. Eine Stahltür gibt den Weg zu einem rot gefliesten Korridor frei, das ist der Weg zur Schmerzambulanz. Hierher kommen Menschen, deren grelle Rückenschmerzen einfach nicht verschwinden wollen; Patienten, die sagen, dass ihr Kopf vor Migräne bald zerspringt.

Was die Ärzte hier versuchen, ist eine Mischung aus Medizin und Psychologie. Es gibt, vereinfacht gesagt, Tabletten und Gespräche, weil chronischer Schmerz so ungemein komplex ist.

Jetzt also Cannabis. Einerseits sind die Blüten der Hanfpflanze die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland. Laut dem jüngsten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung griff zuletzt jeder zehnte Mann und jede zwanzigste Frau in Deutschland zum Joint. In hohen Dosen kann Cannabis das Gehirn schädigen und zum Beispiel Psychosen auslösen.

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"Es wirkt nicht gut schmerzlindernd", sagt Mediziner Irnich

Auf der anderen Seite schreiben viele dem Hanf therapeutische Eigenschaften zu - er soll vor allem Schmerzen lindern, aber auch die Muskeln entspannen, den Appetit anregen. Das alles sind Eigenschaften, die in der Medizin nützlich sein können. Seit etwas mehr als sieben Monaten gibt es darum ein neues Gesetz, das Kassenpatienten den Zugang zu medizinischem Gras erleichtern sollte. Vorgelegt von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), beschlossen von Union und SPD im Bundestag. Wenn alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind, sollen Schmerzpatienten Cannabis-Arzneimittel erhalten können, einfach verschrieben vom Haus- oder Facharzt.

Ein Montagabend im Oktober, es ist schon dunkel draußen. Drinnen sitzt Dominik Irnich unter Neonlicht an seinem Schreibtisch im Untergeschoss der Münchner Uniklinik. Es ist ja nicht so, dass man in seiner Abteilung für Schmerzmedizin nicht offen wäre für Neues, Irnich hat sich in seiner Doktorarbeit mit Akupunktur beschäftigt. Doch im Gegensatz zur Akupunktur, sagt er, sei die Wirkung von Cannabis bei Patienten mit chronischen Schmerzen bislang in keiner qualitativ hochwertigen Studie belegt worden. "Es wirkt nicht gut schmerzlindernd", sagt Irnich.

In Einzelfällen könne Cannabis als Medizin natürlich sinnvoll sein, aber diese Einzelfälle habe man auch vor der Gesetzeslockerung schon mit Cannabinoiden behandeln können. Es war bloß aufwendiger, da die Patienten erst eine Erlaubnis der Bundesopiumstelle in Bonn brauchten.

Gut ein halbes Jahr nach der Reform ist unter deutschen Ärzten der Streit über das Gras in vollem Gange. Kürzlich haben vier Mediziner um den Saarbrücker Internisten Winfried Häuser in einem Aufsatz für das Deutsche Ärzteblatt die Studienlage zu Cannabis ausgewertet - und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis. Es bestehe eine "Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung der Wirksamkeit" von Cannabisprodukten und den Studienergebnissen "nach den Standards der evidenzbasierten Medizin", resümieren die Autoren.