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Wie gesund Rotwein ist:Alkohol erhöht das Krebsrisiko

Seitz sieht lediglich für Menschen, die älter als 65 Jahre sind und bereits einen Herzinfarkt erlitten haben oder die mit erhöhtem Blutdruck und hohen Blutfettwerten zu den kardiologischen Risikopersonen zählen, einen wissenschaftlich belegten Vorteil durch ein Gläschen Alkohol pro Tag.

Zunehmend zeigt sich auch, dass schon bei maßvollem Alkoholkonsum die Gesundheit Schaden nehmen kann. Kleine Mengen greifen etwa die Schleimhautzellen in Mundhöhle, Speiseröhre und Magen an. Die in den Alkoholika vorkommenden Säuren wie Äpfel- oder Bernsteinsäure verursachen Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre. Der Gastroenterologe Manfred Singer von der Universität Heidelberg rät deshalb, Alkohol stets zum Essen zu trinken, weil das die Säuren abpuffere.

Auch bei geringen Mengen steigt das Risiko, an Tumoren in Mundhöhle, Rachen oder Speiseröhre zu erkranken - wenn auch nur gering. Das zeigte etwa eine 2011 erschienene Auswertung von 19 Studien. Laut der europäischen EPIC-Studie zum Thema Krebs und Ernährung steigt zudem die Anfälligkeit für Darm- und Leberkrebs durch Alkohol. Bei Frauen erhöht das tägliche Gläschen auch die Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs um sieben bis acht Prozent. Hier macht es ebenfalls keinen Unterschied, ob Gersten- oder Rebensaft bevorzugt wird, auch wenn dies auf der Internetseite der Deutschen Weinakademie behauptet wird.

Der Präventionsspezialist David Nelson vom National Cancer Institute in Bethesda rechnet vor, dass 30 Prozent aller Krebserkrankungen, die in den USA als Folge von Alkohol entstehen, nur ein täglicher Konsum von weniger als 20 Gramm voranging. Eine mögliche Erklärung dafür: Weil die Leber bevorzugt Alkohol abbaut, kommt sie nicht mehr mit der Entgiftung von Kanzerogenen nach. Nelson schließt aus seinen Daten, dass ein reduzierter Alkoholkonsum eine bislang unterschätzte Strategie in der Krebsprophylaxe sei. Gefährlich wird das tägliche Gläschen demnach vor allem, wenn dazu geraucht wird - die Risikoerhöhung für die einzelnen Tumorarten ist dann stärker als die pure Addition der Einzelrisiken.

Die Autoren der EPIC-Studie folgern deshalb: "Auch wenn moderates Trinken das Risiko für Herzkrankheiten verringert, so ist der Netto-Effekt doch negativ." Auch Gerichte sehen keinerlei Anlass für Gesundheitswerbung auf den Etiketten von Wein oder Bier. Erst kürzlich hat der Europäische Gerichtshof Pfälzer Winzern verboten, ihren Wein als "bekömmlich" zu bezeichnen. Schließlich seien ab einem Alkoholgehalt von 1,2 Volumenprozent derartige "gesundheitsbezogene Aussagen" nicht zulässig.

Vor zwei Jahren gab es bereits einen ähnlichen Beschluss des Landgerichts Berlin in Sachen Bier. Trotzdem meint der Heidelberger Forscher Seitz: "Gesunde Menschen müssen Alkohol nicht total aus ihrem Leben verbannen. "Allerdings sollten sie zwei alkoholfreie Tage pro Woche einlegen, um einer Abhängigkeit entgegenzuwirken." Alkohol ist nun einmal kein Medikament, sondern ein Genussmittel, das in zu hohen Dosen toxisch ist.

© SZ vom 08.03.2013/beu

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