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Tabakentwöhnung:Die Pflaster scheinen kaum zu wirken

Mittlerweile gibt es jedoch große Zweifel an der Wirksamkeit der Mittel. Eine Studie der Harvard School of Public Health kam bereits 2012 zum Ergebnis, dass weder fachliche Beratung durch Ärzte noch Nikotinpflaster das Risiko für ehemalige Raucher langfristig senken, wieder zur Zigarette zu greifen. Rund 800 Erwachsene hatten die Wissenschaftler für die Langzeitstudie beobachtet und drei Mal innerhalb von fünf Jahren befragt. Für den Erfolg spielte es überhaupt keine Rolle, ob die Raucher NET-Produkte verwendet hatten oder ohne Hilfsmittel aufzuhören versuchten. "Die Studie zeigt, dass NET zu benutzen langfristig nicht effektiver ist, als auf eigene Faust aufzuhören", sagte der Erstautor der Studie, Hillel Alpert. Seine Kollegin Lois Biener fügte an, öffentliche Gelder für Nikotinersatztherapie auszugeben, sei "von zweifelhaftem Wert".

Den Rat wollten die Autoren der deutschen Tabakleitlinie aber offenbar nicht hören, denn die Studie fand keinen Eingang in ihre Empfehlungen. Eine Übersichtsarbeit der internationalen Cochrane-Stiftung stellt den Pflastern ebenfalls ein mittelmäßiges Zeugnis aus. Von den Rauchern, die ohne Hilfsmittel aufhören, seien nach sechs bis zwölf Monaten noch drei bis fünf Prozent abstinent. Die Nikotinersatztherapie erhöhte diese Zahl um zwei bis drei Prozentpunkte - allerdings war nur ein Zeitraum von einem Jahr betrachtet worden. Bei Jugendlichen hatte die Nikotinersatztherapie laut einer weiteren Analyse überhaupt keinen signifikanten Effekt auf die Abstinenz. Dennoch empfiehlt die Tabakleitlinie, dass selbst jugendliche Raucher unter bestimmten Bedingungen die Nikotinersatztherapie anwenden können. Selbst Raucher, die lediglich weniger Zigaretten rauchen wollen anstatt ganz aufzuhören, können sich laut einer englischen Studie mit 11 000 Teilnehmern nicht auf die Nikotinpflaster verlassen. Obwohl die Pflaster weitverbreitet seien, hätten sie bei ihren Trägern vermutlich keinen Einfluss auf die Menge an gerauchten Zigaretten, urteilen die Forscher des University College London.

Starker Wille entscheidend

Doch was hilft Rauchern dann tatsächlich, ihr Laster aufzugeben? Laut mehrerer Erhebungen der Gesellschaft für Konsumforschung GfK schaffen es über 80 Prozent der erfolgreichen Ex-Raucher ohne jedes Hilfsmittel, sondern allein dank eines starken Willens, zum Nichtraucher zu werden. "Weil ich es schaffe, wenn ich etwas wirklich will" oder "Rauchen richtig satt haben" kreuzten die meisten zuletzt als wesentliche Erfolgsfaktoren an, und den Wunsch, den Tabakgestank endlich loszuwerden. Da wohl nicht alle Raucher so motiviert sind, wird international zunehmend über die E-Zigarette als mögliches Mittel zur Schadensbegrenzung nachgedacht. So wertet das Gesundheitsministerium Großbritanniens E-Zigaretten mittlerweile als "Chance, Rauchern beim Aufhören zu helfen". Ähnliches empfehlen Wissenschaftler im Fachblatt Addiction mittlerweile auch in den USA. Es gebe "ein starkes Potenzial für Verdampfer-Geräte, um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern", indem der Zigarettenkonsum eingeschränkt werde oder Raucher vollständig auf E-Zigaretten umsteigen, erklären die Autoren um David Levy von der Georgetown University.

Mittlerweile gibt es Befunde, die diese Sicht stützen. Von den aufhörwilligen Rauchern einer Neuseeländischen Studie waren nach sechs Monaten noch 7,3 Prozent der E-Zigaretten-Nutzer abstinent, aber nur 5,8 Prozent derjenigen, die Nikotinpflaster benutzt hatten. Dabei schränkten die E-Zigaretten-Nutzer die Nikotindosis zumindest immer weiter ein. Brauchten sie anfangs noch 1,3 Patronen am Tag, hatte sich die Menge sechs Monate später auf 0,7 fast halbiert. Die meisten der E-Zigaretten-Nutzer hatten am Ende der Untersuchung die tägliche Menge an herkömmlichen Zigaretten um mehr als die Hälfte gesenkt. Deutlich weniger zu rauchen als vorher gelang auch Teilnehmern einer italienischen Studie mit E-Zigaretten. Dabei konnte eine Auswertung der Cochrane-Stiftung zumindest auf eine Nutzungsdauer von zwei Jahren keine wesentlich erhöhten Gesundheitsgefahren durch das Dampfen feststellen.

Am besten sei natürlich, man höre ganz mit dem Rauchen auf, sagt Peter Hajek, klinischer Psychologe und Experte für Tabakabhängigkeit an der Queen-Mary-Universität London. "Aber falls das jemand nicht kann oder nicht will, dann können E-Zigaretten die nächstbessere Alternative sein." Manche Anti-Tabak-Aktivisten würden jedoch das Ausradieren des Nikotinkonsums selbst als vorrangiges Ziel sehen. "Raucher zu ermutigen, auf weniger schädliche Verdampfer umzusteigen, wird als Bedrohung dieses Ziels empfunden", sagt Hajek. Dabei müsse doch eigentlich etwas anderes im Vordergrund stehen als Abstinenz: "großen Nutzen für die öffentliche Gesundheit zu erzeugen."

Rausch und Risiko Zwangskorsett Abstinenz
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