Tabakentwöhnung Auch Pharmakonzerne haben Interesse an Rauchern

Die E-Zigaretten-Hersteller sind jedoch nicht die einzigen, um deren Interessen es geht. Es geht auch um die Zukunft der Tabakkonzerne, die in Deutschland jedes Jahr noch immer rund 80 Milliarden Zigaretten verkaufen. Und gibt es noch eine Partei mit finanziellen Interessen an Rauchern und Ex-Rauchern: Pharmakonzerne wie Novartis und GlaxoSmithKline. Sie bieten sogenannte Nikotinersatztherapie-Produkte (NET) an, die Rauchern das Aufhören erleichtern sollen. Die bekanntesten sind Nikotinpflaster, Lutschtabletten oder Sprays der Marken Nicorette und Nicotinell.

Für die Pharmafirmen ist es ein lukratives Geschäft, allein Marktführer Johnson & Johnson dürfte jährlich mehr als 100 Millionen Euro in Deutschland mit den Präparaten umsetzen. Doch das Aufkommen der E-Zigaretten bedroht den Handel. In Deutschland gab es 2015 noch ein Wachstum von einem Prozent, langfristig soll es mit den Produkten jedes Jahr um zwei Prozent bergab gehen, erwartet die Marktforschungsfirma Euromonitor International. In Großbritannien, wo es besonders viele E-Zigaretten-Nutzer gibt, sind die Absatzzahlen schon seit 2014 rückläufig.

Zumindest haben die Pharmakonzerne einen Verbündeten - so wie sie die E-Zigarette kritisch beäugen, so tun es auch viele deutsche Mediziner und Suchtforscher. Das wird auch in der "Leitlinie zum schädlichen und abhängigen Tabakkonsum" deutlich, die federführend von zwei deutschen medizinischen Fachgesellschaften erarbeitet wurde. Es ist eine Handlungsempfehlung für Ärzte, was sie aufhörwilligen Rauchern nach dem aktuellen Stand der Forschung empfehlen können. Nach Ansicht der Autoren sind das vor allem Nikotinpräparate und Medikamente. "Der Einsatz der Nikotinersatztherapie soll angeboten werden", heißt es in der Leitlinie, gekennzeichnet ist die Empfehlung sogar mit einem A für "stark". Extremen Rauchern könnten Ärzte demnach zwei Präparate gleichzeitig empfehlen, bei Misserfolg die Gabe von Antidepressiva wie Bupropion.

Auch das Arzneimittel Vareniclin, das recht starke Nebenwirkungen wie Benommenheit und Schlafstörungen verursachen kann und bei dessen Einsatz Fälle von Depression dokumentiert sind, erhält die A-Empfehlung. Von der E-Zigarette raten die Mediziner jedoch ab, sie sei nicht auf Wirksamkeit und Verträglichkeit bei der Tabakentwöhnung hin untersucht. Allerdings war die E-Zigarette den Autoren der Tabakleitlinie nicht einmal eine systematische Literaturrecherche wert.

Viele Suchtforscher pflegen enge Kontakte zu Pharmafirmen

Es könnte sein, dass manche Mediziner die E-Zigarette aus prinzipiellen Gründen ablehnen, etwa weil sie vollständige Abstinenz vom Nikotin als oberstes Ziel für Raucher befürworten. So warnt das DKFZ, die E-Zigaretten würden das Rauchritual kultivieren und bisherige Erfolge bei der Tabakprävention gefährden. Andere betonen gesundheitliche Unsicherheiten, die es zweifellos gibt, etwa wie schädlich bestimmte Aromastoffe in den Liquids von E-Zigaretten sind. Manche Suchtmediziner pflegen aber auch selbst sehr gute Verbindungen zur Industrie.

So haben zwei der Leitlinien-Autoren jahrelang selbst für Nicorette geworben, zum Beispiel mit positiven Berichten in einer Zeitschrift von Johnson & Johnson. Trotzdem schrieben sie in der Leitlinie am Kapitel über Arzneimittel zur Raucherentwöhnung mit. Die Suchtmediziner haben auch das Programm "Einfach Erfolgreich Rauchfrei" mitentwickelt, das sich an Hausärzte richtet und ihnen die Nicorette-Produkte nahelegt. Urheber des Programms und der Webseite ist Johnson & Johnson.

"Was da passiert ist, darf es eigentlich nicht geben", sagt Ernst-Günther Krause vom Verein Nichtraucher-Initiative Deutschland e.V. (NID), der selbst als Vertreter des Vereins an der Leitlinie mitgearbeitet hat. Krause spricht von Verstößen zum Umgang mit Interessenkonflikten, denn die meisten der an dem Tabakdokument beteiligten Experten würden selbst vom Ergebnis profitieren. Der Anti-Tabak-Aktivist kritisiert auch die Rolle des Vorsitzenden der Leitlinien-Gruppe Anil Batra. Der Suchtmediziner der Universität Tübingen taucht in einer Nicorette-Broschüre als Experte auf und ist zugleich Vorsitzender des Vereins "Wissenschaftlicher Aktionskreis Tabakentwöhnung e.V.".

Schock auf der Schachtel

Nun prangen auch in Deutschland Gruselbilder auf deutschen Zigarettenschachteln. Furchtbar? Das kommt auf die Perspektive an. Von Berit Uhlmann mehr ... 360° Zukunft des Rauchens

Der "WAT" ist laut der Firma Klinksiek PR im Auftrag der Pharmafirma Novartis Consumer Health gegründet worden. Die PR-Firma führt den Verein auf ihrer Webseite als Referenz ihres Kunden Novartis; der WAT wurde demnach in den 1990ern aufgebaut, um für das Produkt Nicotinell "Meinungsbildnerarbeit, Gewinnen von spokespersons, Fach- und Publikumsmedienarbeit" zu betreiben. Einer der Teilhaber der PR-Firma fungierte mehrere Jahre im Vorstand, bevor Batra ihn 1999 als Vorsitzender ablöste. Batra sagt hierzu, gemäß der ihm vorliegenden Daten der letzten zehn Jahre gebe es keine Zusammenarbeit jeglicher Form zwischen dem Verein und Novartis. Er selbst habe zudem keine finanziellen Mittel erhalten, sondern lediglich der Verein.

Seit 2013 will der WAT mit Klagen auf dem Rechtsweg erreichen, dass die Nikotinersatztherapie und psychotherapeutische Entwöhnungskurse künftig von Krankenkassen bezahlt werden. "Damit sollen der Gemeinschaft die Kosten für eine Therapie aufgedrückt werden, die unwirksam ist", sagt Krause. Die Kosten für eine solche Raucherentwöhnung schätzte Batra gegenüber dem Apotheker-Portal apotheken.de auf 300 bis 450 Euro pro Raucher. Dies sei gut angelegtes Geld, denn die Krankheits- und Behandlungskosten durch langjähriges Rauchen könnten damit eingespart werden.