Suizidprävention:Dem Tod zu nah

Friedhof

Der Verlust von Angehörigen kann älteren Menschen den Lebensmut nehmen.

(Foto: iStockphoto)
  • Menschen über 70 Jahre begehen häufiger Suizid als Jüngere.
  • Senioren mit mehrfachen Erkrankungen sind besonders gefährdet. Auch Verluste tragen zum Sterbewunsch bei.
  • Sozialer Kontakt scheint dagegen hilfreich zu sein.

Von Susanne Donner

Es dauert immer ein paar Wochen, bis sich neue Bewohner von Seniorenwohnheimen daran gewöhnt haben, dass anderen im Haus der Lebenswille abhandengekommen ist. Beim ersten Mal bleibt noch das Essen auf dem Teller liegen, doch irgendwann gehören die Suizide zum Alltag. In diesem Stadium sagen sie dann vielleicht trocken und traurig: "Jetzt ist wieder ein Zimmer frei."

"Der Sprung aus dem Fenster", sagt Reinhard Lindner, Suizidologe von der Universität Kassel, "ist oft die einzige Möglichkeit für Menschen in einem Heim, um ihr Leben durch eigene Hand zu beenden." Zu Hause, einsam und ohne Kontrolle durch Pflegepersonal, erhängen oder erschießen sie sich oder sterben an einer Überdosis Medikamenten.

Seit Jahrzehnten wissen Epidemiologen, dass Senioren über 70 Jahren besonders gefährdet sind, sich das Leben zu nehmen, besonders Männer. Mehr als doppelt so viele verglichen mit den Jüngeren begehen im Alter von 70 bis 79 Suizid. Ab 90 liegt die Rate sogar fünf bis sechs Mal so hoch. Auch bei Frauen beobachten Statistiker dieses sogenannte "ungarische Muster". Im Alter steigt die Suizidrate. Das erkannten Statistiker einst erstmals an der ungarischen Bevölkerung, daher der Name.

Die psychische Gesundheit einer ganzen Bevölkerungsgruppe werde vernachlässigt, kritisieren Forscher

Seit Jahren verharren die Zahlen der Fälle unter Senioren hierzulande auf vergleichsweise hohem Niveau. "Die psychosoziale Gesundheit einer ganzen Bevölkerungsgruppe wird vollständig vernachlässigt", sagt Lindner. Seinen Studien zufolge sind Hochbetagte besonders suizidgefährdet, wenn sie mehrfach erkrankt sind. Dabei ist nicht die Schwere der Erkrankungen entscheidend, sondern wie stark diese als seelisch belastend empfunden werden. Der Verlust des Ehepartners oder naher Angehöriger verleiht der Lebensmüdigkeit dann oft einen zusätzlichen Schub. "Es sind besonders einsame Männer, die einzelgängerisch sind und alles selbst anpacken, die sich am Ende das Leben nehmen wollen. Sie haben mit dem Kontrollverlust und der Abhängigkeit von Pflegenden große Probleme", sagt Annette Erlangsen, Epidemiologin am Forschungsinstitut für Suizidprävention im dänischen Aarhus.

Ganz aus heiterem Himmel kommt der Wunsch nach dem Tod im Alter allerdings nicht, stellt Reinhard Lindner klar. 50 bis 80 Prozent der Menschen mit solchen Gedanken waren schon vorher in psychisch fragiler Verfassung. Ihr Leben war durchzogen von konflikthaften Beziehungen, erfuhr Lindner, als er 20 Personen, die sich mit Suizidgedanken trugen, in einer geriatrischen Einrichtung befragte. Lange währende Sozialkontakte hatten sie tendenziell selten. Dafür zeigten die meisten unter ihnen depressive Symptome.

"Wir kennen eine Reihe von Möglichkeiten, den Betroffenen Lebensmut zu geben", sagt Lindner. Eine der wichtigsten Studien zur Suizidprävention im Alter erschien schon 2002. Der italienischstämmige Psychiater Diego de Leo hatte es bei mehr als 18 000 Senioren aus Norditalien geschafft, die Suizidrate um mehr als zwei Drittel zu reduzieren. Während man statistisch bei dieser Anzahl Menschen etwa 20 Suizide erwarten würde, geschahen während des Studienzeitraums sechs solcher Fälle. De Leos einziges Mittel: Telefonseelsorge. Zwei Mal die Woche wurden die Betagten angerufen und konnten im Notfall rund um die Uhr eine Betreuerin sprechen. Besonders bei Frauen vertrieb das sehr wirksam Suizidabsichten.

Psychotherapie kann auch im Alter helfen

Wichtig sei, dass sich die Seelsorger bei den Senioren melden dürfen, denn "lebensmüde Menschen greifen nicht unbedingt selbst zum Hörer", sagt Lindner. Dass aktive Fürsorge gelingen kann, zeigte sich im Modellprojekt "Gemeindeschwestern plus", das im Mai abgeschlossen wurde. Bis Ende 2018 besuchten vierzehn Schwestern 3000 Hochbetagte in Rheinland-Pfalz, um sie zu Fragen der Gesundheit und Teilhabe zu beraten. "Wir erreichen damit viele Menschen, informieren, mobilisieren und befähigen Senioren ganz nach ihren Bedürfnissen, um auch weiterhin an der Gesellschaft teilzuhaben", sagt Frank Weidner, Direktor vom Deutschen Institut für Pflegeforschung. Das Institut hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Die allermeisten Senioren fühlten sich wohl mit den Hausbesuchen und möchten Weidner zufolge nicht mehr darauf verzichten.

Viele Betagte mit Suizidabsichten leiden unter einer Depression. "Wenn man Pflegepersonal und Hausärzte darin schult, depressive Symptome und auch Suizidalität bei Senioren wahrzunehmen, erreicht man sehr viel", sagt Lindner. Oft ist Niedergeschlagenheit kein Thema, weil sie von anderen Erkrankungen überschattet wird. Zwischen 4,6 und 9,3 Prozent der über 75-Jährigen hätten das Vollbild einer Depression, fand die Sozialmedizinerin Steffi Riedel-Heller von der Universität Leipzig heraus. Die wenigsten würden aber behandelt.

Medikamente und Psychotherapie - die Standardbehandlung gegen Depression - würden ihnen helfen. "Leider gibt es das Vorurteil, dass ältere Menschen so eingefahren seien, dass ihnen ein Besuch beim Psychotherapeuten nichts mehr bringe", so Riedel-Heller. Sie konnte jedoch anhand von Studien an über 60-Jährigen zeigen, dass Senioren auch auf eine Verhaltenstherapie ansprechen. Sie sind danach weniger niedergeschlagen, seltener depressiv und zufriedener mit ihrem Leben.

Apps sollen schwere Gedanken vertreiben und Lebensfreude zurückbringen

Senioren geraten allerdings meist überhaupt nur in Suizidfantasien, wenn sie sehr einsam sind. Wenn die Ehefrau stirbt, markiert das beispielsweise ein kritisches Lebensereignis, das die Spirale in Gang setzen kann. Deshalb hat Riedel-Heller gemeinsam mit anderen Kollegen ein Internetprogramm gegen die Trauerfalle im Alter entwickelt. "TrauerActiv" soll den Menschen zeigen, wie sie trotz des Verlustes wieder Lebensmut schöpfen. Pflegepersonal und Hausärzte könnten, so die Idee, die Betroffenen auf das Programm aufmerksam machen.

Sie lernen darin, kleine Aktivitäten, die ihnen Freude machen, wie mit dem Hund spazieren zu gehen oder bei der Familie anzurufen, zu pflegen. Ein Stimmungstagebuch soll zusätzlich helfen, Gefühle bewusster wahrzunehmen und zu reflektieren, was aufheitert oder betrübt. Das Programm basiert auf dem Prinzip der kognitiven Verhaltenstherapie. Derzeit werde die Wirksamkeit an Senioren überprüft, sagt Riedel-Heller. Scheu vor der Technik hätten diese kaum; es sei nicht schwer, Probanden zu finden.

In eine ähnliche Richtung denkt Annette Erlangsen. Sie hat eine App erfunden, die bei heftiger Todessehnsucht helfen soll, mit ein paar Klicks das Leben wieder in einem besseren Licht zu sehen. "Von jungen Menschen wissen wir, dass Fragen wie 'Was würde deine Familie sagen, wenn du dich jetzt umbringst?' helfen, den Suizid schließlich nicht auszuführen", sagt Erlangsen. Wer seinem Leben ein Ende setzen will, ist nämlich oft gefangen in einem Hin und Her und regelrecht ambivalent. An älteren Menschen hat die Dänin die App bisher aber noch nicht getestet.

Erfreulich erscheint Erlangsen in dieser Hinsicht ein neuer Trend aus Dänemark. Neuerdings gäbe es immer mehr sogenannte Männerhütten. Betagte Senioren verabreden sich ein- oder zweimal in der Woche, reparieren, bauen oder unternehmen etwas gemeinsam. "Mein Vater geht auch in so eine Männerhütte." Ein soziales Umfeld zu haben, ist die beste Medizin gegen Lebensverdruss im Alter. Deshalb sind die Suizidraten in Pflegeheimen Studien zufolge auch niedriger verglichen mit Gleichaltrigen, die zu Hause leben.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten. Grund dafür ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Eine Ausnahme sind Berichte, die das Leid der Angehörigen thematisieren, weil sie auch präventiv wirken können. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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