Steinmeiers Organspende Misstrauen vor der Medizin

Die Diskrepanz zwischen dem, was Menschen für sich wollen und für andere zu tun bereit sind, ist groß. In Umfragen geben 95 Prozent der Deutschen an, dass sie sich ein Spenderorgan wünschen, wären sie darauf angewiesen. Einen Organspendeausweis haben aber nur 14 Prozent der Deutschen. Zumeist entscheiden Angehörige am Sterbebett darüber, ob ein Organ entnommen werden kann.

Trotz des beträchtlichen Mangels ist niemand verpflichtet, nach seinem Tod ein Organ zu spenden. Zu groß ist das Unbehagen vieler Menschen, wenn sie sich vorstellen, dass ihr Körper kurz nach dem Ableben aufgeschnitten wird, um ein Organ zu entnehmen. Manche Menschen stört diese Vorstellung aus religiösen Gründen, andere misstrauen der Medizin und befürchten, bei der Organentnahme noch nicht tot zu sein. Diese Bedenken mögen irrational sein und sich widerlegen lassen. Der Hirntod wird von verschiedenen Ärzten bestätigt. Und dass die eigenen Darmbakterien den Verwesungsprozess nach dem Tod beschleunigen, und schließlich Würmer und Käfer das Fleisch zu Humus werden lassen, ist nicht unbedingt appetitlicher als eine Organentnahme.

Trotzdem gilt: Wer seinen toten Körper nicht zur Verfügung stellen will, der will eben nicht. Man muss nicht religiös sein oder Ärzten dunkle Machenschaften unterstellen, um eine Organspende für sich auszuschließen. Dieses Unbehagen wird in der Mangelrhetorik schnell übersehen. Demnach wäre Deutschland ein einig Volk von potentiellen Organspendern, wenn endlich die richtigen Argumente bei allen ankommen würden.

Man kann das Unbehagen der Menschen und den Widerwillen, sich mit Themen wie Tod und Organspende zu beschäftigen, nicht übergehen. Eine Widerspruchsregelung wie in Österreich, die von der Zustimmung ausgeht, zwingt die Menschen dazu, sich zu dem Thema zu verhalten. Das muss niemandem zugemutet werden. Besser wäre es, die Bereitschaft zur Lebendspende zu stärken. Der gesetzliche Rahmen beschränkt sie auf enge Verwandte oder Bekannte und schließt daher Organhandel aus. Sie ist von niemandem zu erzwingen, aber der Spender weiß in diesem Fall, für wen er hilfreich einspringt. Frank-Walter Steinmeier - und die 600 Lebendspender im vergangenen Jahr - haben hier ein eindrucksvolles Beispiel gegeben.

Frank-Walter Steinmeier

Wenn Opposition mal kein Mist ist