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Medizin:Sex in Deutschland

Pärchen beim Sex

Viel Sex ist keine Garantie für sexuelle Zufriedenheit.

(Foto: Ekaterina Yakunina/imago images/Westend61)
  • Männer sind im Alter zwischen 36 und 45 Jahren und Frauen zwischen 26 und 35 Jahren am häufigsten sexuell aktiv
  • Singles haben seltener Sex als Menschen in Beziehungen - und sind deutlich unzufriedener damit
  • Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Gesundheit wird von der Medizin noch zu sehr vernachlässigt, dabei können Störungen beim Sex Vorboten für Krankheiten sein

Von Werner Bartens

Wenn es darum geht, wer wie oft in welchem Alter Sex hat, ist die Legendenbildung groß. Neben Prahlerei findet sich da auch scheue Zurückhaltung, verlässliche Zahlen sind rar und im Zweifel wird das abgehangene Zitat Martin Luthers bemüht: "Die Woche zwier, schadet weder mir noch dir, macht's Jahr einhundert und vier". Die Suche nach seriösen Erhebungen ist mäßig ergiebig, weil sie von Kondomherstellern und einschlägigen Portalen dominiert wird. Insofern ist es verdienstvoll, dass Sexualwissenschaftler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) aktuelle Daten zum Zusammenhang von sexueller Aktivität, sexueller Zufriedenheit und Gesundheit in Deutschland zusammengetragen haben.

Das Team um Peer Briken hat fast 5000 Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 75 Jahren befragt und präsentiert im Deutschen Ärzteblatt die Befunde. "Die meisten Deutschen sind in ihren partnerschaftlichen und sexuellen Beziehungen zufrieden", sagt der Direktor des Instituts für Sexualforschung am UKE. Im Detail gibt es jedoch bemerkenswerte Unterschiede.

So räumen die Forscher mit dem Vorurteil auf, wonach ältere Jugendliche und junge Erwachsene besonders oft Sex hätten. Die Studie ergab bezogen auf die letzten vier Wochen des Untersuchungszeitraums, dass Männer zwischen 36 und 45 Jahren und Frauen zwischen 26 und 35 Jahren am häufigsten mit einem Partner oder einer Partnerin sexuell aktiv waren. In höheren Altersgruppen nahm die sexuelle Aktivität wieder ab.

Doch es gibt Hoffnung für altgediente Paare. Die sexuelle Zufriedenheit sinkt in der Altersgruppe der 46- bis 55-Jährigen - der Zeit von Midlife-Crisis und Wechseljahren - zwar auf den tiefsten Wert unter allen Befragten. Danach steigt die Zufriedenheit jedoch wieder und liegt sogar bei den 66- bis 75-Jährigen noch über jener in der Lebensmitte.

"Sexuell aktive Singles sind mit ihrer Sexualität deutlich weniger zufrieden als Befragte in fester Partnerschaft."

Auch das Bild vom unternehmungslustigen Single, der oder die nichts anbrennen lässt und ständig Bettgeschichten hat, hält einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Unter den Befragten hatten lediglich 33 Prozent der allein stehenden Männer in den vergangenen vier Wochen Sex, bei den Frauen waren es gar nur 15 Prozent. In festen Partnerschaften lag die entsprechende Quote in den ersten fünf Jahren der Beziehung bei mehr als 90 Prozent. Waren die Partner bereits mehr als fünf Jahre zusammen, hatten noch 81 Prozent der Männer und 74 Prozent der Frauen im vergangenen Monat Sex gehabt.

Wie die Alltagserfahrung zeigt, ist sexuelle Aktivität allein allerdings keine Garantie für sexuelle Zufriedenheit. Auch hier spielen die Lebensumstände, der Beziehungsstatus und die Gesundheit eine wichtige Rolle. "Sexuell aktive Singles sind mit ihrer Sexualität deutlich weniger zufrieden als Befragte in fester Partnerschaft, und in festen Partnerschaften nimmt die sexuelle Zufriedenheit mit zunehmender Beziehungsdauer ab", schreiben die Autoren. Nach mehr als fünf Jahren Partnerschaft berichteten etwa zwei Drittel der Befragten davon, dass sie "sexuell zufrieden" waren. Von den Singles fanden gerade mal 36 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen diese Beschreibung für die vergangenen zwölf Monate zutreffend.

In einer weiteren Untersuchung zeigt das Team um Peer Briken, dass ein Drittel der Männer und 45 Prozent der Frauen in den vergangenen zwölf Monaten eines oder mehrere sexuelle Probleme gehabt hätten, "einschließlich geringer Beschwerden". Dazu werden nach dem erweiterten, ab 2022 gültigen Diagnosekatalog ICD-11 das reduzierte Verlangen nach Sex, Erektionsprobleme, Probleme, einen Orgasmus zu bekommen und verfrühte Ejakulation bei Männern gezählt. Bei Frauen werden neben reduziertem Verlangen und Problemen, einen Orgasmus zu bekommen, auch die verringerte Reaktion auf sexuelle Reize und Verspannungen oder Schmerzen beim Sex hinzugezählt.

Dass befriedigende Sexualität einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit leistet, wissen Mediziner schon lange. Beide Untersuchungen zeigen deutlich, dass körperliche wie psychische Erkrankungen dazu führen, dass Menschen deutlich weniger Sex haben und auch weniger zufrieden damit sind. So hatten mindestens zwei Drittel der Männer und Frauen in gutem oder sehr gutem Gesundheitszustand in den vier zurückliegenden Wochen Sex. Wurde die Gesundheit hingegen nur als "mittelmäßig" oder "schlecht" eingestuft, sank dieser Anteil auf etwa die Hälfte oder gar nur ein Drittel der Befragten.

Obwohl der Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Sexualität offensichtlich sei, komme das Thema Sexualität in der medizinischen Ausbildung weiterhin zu kurz, beklagen die Autoren - und in der ärztlichen Beratung werde es oftmals tabuisiert. Dabei zeige die enge Beziehung von körperlichem Befinden, Zufriedenheit und Intimität, dass Sexualität als Gesundheitsthema mehr gefördert werden müsste.

In einem Kommentar im Ärzteblatt betont Sabine Kliesch vom Uniklinikum Münster, dass sexuelle Einschränkungen auch ein Vorbote für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, neurologische Störungen oder andere Leiden sein können und es auch deshalb wichtig sei, die Ärzteschaft stärker für dieses Thema zu sensibilisieren. "Es ist wichtig, die Hemmschwelle bei Ärzten und Patienten zu mindern", fordert die Medizinerin.

© SZ/jrod
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