Schlaf und Entspannung:Die gesündeste Haltung

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Inzwischen weiß man jedoch: Die optimale Sitzhaltung in Schule wie Büro ist weder aus orthopädischen Gründen noch zur Schmerzvermeidung das aufrechte Sitzen mit stramm durchgedrücktem Rücken. Vielmehr ist das halb sitzende, halb liegende Herumlümmeln die gesündeste Position, auch wenn sie jeder besorgten Mutter den Ausruf: "Setz dich mal anständig hin", entlocken würde. Zur Entspannung der Muskulatur wie der Bandscheiben ist es aber nun mal die medizinisch empfohlene Lage, um möglichst lange ohne Hexenschuss oder andere Pein im Kreuz den Büroalltag zu bewältigen.

Wirklich offen für liegende Lebensweisen sind die modernen Gesellschaften allerdings immer noch nicht. Liegen gilt als Inbegriff von Faulheit und Bequemlichkeit; wer nicht steht oder sitzt, sondern herumlümmelt, gilt schnell als Tunichtgut und Tagedieb. Der Begriff "Liegewiese" würde wohl als Letztes mit einem seriösen Arbeitsplatz in Verbindung gebracht werden und "Liegenschaften" heißen wohl nur so, weil sie einfach so herumliegen, ohne sich nützlich zu machen. Essen im Liegen hat sich trotz der lukullischen Orgien im alten Rom nicht halten können. Natürlich kann man es nach Jahrhunderten der Unterdrückung auch mit der Feier der horizontalen Lebensformen ein wenig übertreiben, wie die unsinnige Erfindung des Liegerades zeigt, auch wenn dieser Befreiungsakt von konventionellen Haltungen in die richtige Richtung zeigt.

Schließlich gilt Liegen immer noch als Risikofaktor. Jahrelang diskutierten Kinderärzte, Hebammen und Notfallmediziner, welche Position am besten vor dem plötzlichen Kindstod schützt. Mittlerweile ist die Erkenntnis wissenschaftlich abgesichert, dass in den ersten Lebensmonaten die Rückenlage zu empfehlen ist. Aber auch wo und mit wem man die Kinder bettet, ist Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Diskussionen. So hat eine Studie an philippinischen Männern vor Kurzem gezeigt, dass ihr Testosteron-Spiegel und ihre Libido sinken, wenn sie permanent mit dem eigenen Nachwuchs Zimmer und Lager teilen. Falsch gelegen - und schon ist die Manneskraft bedroht.

Zwar gibt es inzwischen supersanfte Allergiker-Bettwäsche, doch auch noch so feines Linnen verhindert nicht, dass manche Paare überempfindlich darauf reagieren, wenn sie jahrelang nicht nur Tisch, sondern auch Bett teilen. Reichen zunächst für junge Paare zumeist Betten mit einer Breite von 1,40 Metern (und manchmal sogar schmaler) aus, sind in ausdauernden Beziehungen plötzlich Maße von 1,60 Meter oder gar 1,80 Meter gefragt. Loki Schmidt war überzeugt, dass ihre Ehe mit Altkanzler Helmut Schmidt auch deswegen 62 Jahre gehalten hat, weil sich die beiden auf getrennte Betten geeinigt hatten.

Mit zunehmendem Umfang des Bettes wird es allerdings immer schwieriger, nach Vorbild des französischen Grand Lit noch eine ungeteilte Matratze zu finden - und nicht diese Zwillingsbetten mit der lästigen Besucherritze, die Honoré de Balzac für den Tod aller Romantik und ein "Verbrechen an der Liebe" hielt. Nach diversen Umfragen teilen sich zwar 80 bis 90 Prozent der Paare in Deutschland das Bett, allerdings bestehen fast alle auf einer eigenen Bettdecke, in die sie sich kokonartig wie in eine Wurstpelle hüllen.

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