Süddeutsche Zeitung

Schlaf und Entspannung:Liegen lernen

Leistungsverweigerung, Schlafapnoe und Rückenweh - rund ums Schlafen und Ruhen ranken sich Ängste und Bedenken. Es ist also höchste Zeit für eine Hymne auf die horizontalen Lebensformen. Ein Plädoyer für das Lümmeln.

Der Niedergang einer wunderbaren Kulturtechnik ist zu beklagen. Das Liegen, einst Inbegriff für kreatives Innehalten wie lustvollen Müßiggang, ist in Verruf geraten. Denn gesprochen wird über die Kunst der Horizontalen fast nur noch als Bedrohung für Leib und Seele.

Was droht nicht alles an Gebrechen und Schicksalsschlägen, wenn die Ruheposition in der falschen Lage, in falscher Gesellschaft oder mit der falschen Gesinnung eingenommen wird? Groteske Verformungen des Kopfes, fiese Krankheiten und zerrüttete Beziehungen können die Folge sein. Schon der Säugling droht durch die falsche Lage am plötzlichen Kindstod zu sterben, für Jugendliche ist die liegende Position gar aller Laster Anfang. Zudem ist im Liegen die Gefahr besonders groß, von Hausstaubmilben geentert und schutzlos diversen Allergien, der Schlafapnoe und dem unerwarteten Herztod ausgeliefert zu sein.

Richtig liegen will wohl gelernt sein. Wie gut, dass der Autor Bernd Brunner in seinem ebenso heiteren wie nützlichen Brevier in "Die Kunst des Liegens" (Galiani, Berlin) einführt. Sein "Handbuch der horizontalen Lebensformen" ist eine vergnügliche Kultur-, Sitten- und Medizingeschichte, die vor allem an die angenehmen Seiten des Liegens, Lümmelns und Lagerns erinnert. Schließlich hat schon der grandiose Alltagsingenieur Groucho Marx gewusst: "Was man nicht im Bett tun kann, ist es nicht wert, getan zu werden."

Brunner will sich nicht einengen lassen und hegt deutliche Sympathien für eine gewisse Freizügigkeit der Liegeformen und -positionen. Er zeigt, wie vergeblich und zumeist auch widersinnig alle Versuche waren, das Liegen über Jahrhunderte zu reglementieren und zu disziplinieren.

Schließlich hat sich die Hypothese des Anatomen Andreas Vesalius, Leibarzt von Karl V., nicht bewahrheitet, dass die Deutschen angeblich deshalb so einen platten Hinterkopf hätten, weil die Kinder im strengen Germanien in den ersten Monaten auf dem Rücken schlafen müssten. Der angeblich besonders lange Kopf der Belgier resultiere hingegen daraus, so Vesalius, dass der Nachwuchs dort auf der Seite gelagert werde. Auch diese Annahme konnte bisher nicht wissenschaftlich bestätigt werden.

Immer noch unterschätzt und von Arbeitgebern viel zu wenig gefördert wird das, was Brunner den "horizontalen Arbeitsplatz" nennt. Während in einige Büros zwar Stehpulte Einzug gehalten haben, verfügen doch die wenigstens Angestellten über bequeme Liegemöbel. Falls doch, dann höchstens zur kurzen Ruhepause, um nach einem Power-Nap umso gestärkter und erholter in die nächste - natürlich sitzende - Arbeitsrunde gehen zu können.

Was für eine Verschwendung von Ressourcen! Um wie viel gelassener fiele mancher Geschäftsbrief aus, um wie viel ausgeruhter wären Artikel, Projektskizzen und wohl selbst Gesetzesvorlagen, wenn sie im Horizontalen erdacht und formuliert worden wären.

Diese Behauptungen entspringen keineswegs der Phantasie von Müßiggängern. Schließlich hat auch die Medizin dazulernen müssen. Frühere Streck- und Richtverfahren, die oftmals an Folterinstrumente erinnern, dienten allenfalls der Disziplinierung einer ungezogenen Jugend. Besonders Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808-1861) hat sich hier hervorgetan und seine wie auch viele Kinder nachfolgender Generationen mit den von ihm ersonnenen "Geradhaltern" und "Kinnbändern" traktiert.

Die gesündeste Haltung

Inzwischen weiß man jedoch: Die optimale Sitzhaltung in Schule wie Büro ist weder aus orthopädischen Gründen noch zur Schmerzvermeidung das aufrechte Sitzen mit stramm durchgedrücktem Rücken. Vielmehr ist das halb sitzende, halb liegende Herumlümmeln die gesündeste Position, auch wenn sie jeder besorgten Mutter den Ausruf: "Setz dich mal anständig hin", entlocken würde. Zur Entspannung der Muskulatur wie der Bandscheiben ist es aber nun mal die medizinisch empfohlene Lage, um möglichst lange ohne Hexenschuss oder andere Pein im Kreuz den Büroalltag zu bewältigen.

Wirklich offen für liegende Lebensweisen sind die modernen Gesellschaften allerdings immer noch nicht. Liegen gilt als Inbegriff von Faulheit und Bequemlichkeit; wer nicht steht oder sitzt, sondern herumlümmelt, gilt schnell als Tunichtgut und Tagedieb. Der Begriff "Liegewiese" würde wohl als Letztes mit einem seriösen Arbeitsplatz in Verbindung gebracht werden und "Liegenschaften" heißen wohl nur so, weil sie einfach so herumliegen, ohne sich nützlich zu machen. Essen im Liegen hat sich trotz der lukullischen Orgien im alten Rom nicht halten können. Natürlich kann man es nach Jahrhunderten der Unterdrückung auch mit der Feier der horizontalen Lebensformen ein wenig übertreiben, wie die unsinnige Erfindung des Liegerades zeigt, auch wenn dieser Befreiungsakt von konventionellen Haltungen in die richtige Richtung zeigt.

Schließlich gilt Liegen immer noch als Risikofaktor. Jahrelang diskutierten Kinderärzte, Hebammen und Notfallmediziner, welche Position am besten vor dem plötzlichen Kindstod schützt. Mittlerweile ist die Erkenntnis wissenschaftlich abgesichert, dass in den ersten Lebensmonaten die Rückenlage zu empfehlen ist. Aber auch wo und mit wem man die Kinder bettet, ist Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Diskussionen. So hat eine Studie an philippinischen Männern vor Kurzem gezeigt, dass ihr Testosteron-Spiegel und ihre Libido sinken, wenn sie permanent mit dem eigenen Nachwuchs Zimmer und Lager teilen. Falsch gelegen - und schon ist die Manneskraft bedroht.

Zwar gibt es inzwischen supersanfte Allergiker-Bettwäsche, doch auch noch so feines Linnen verhindert nicht, dass manche Paare überempfindlich darauf reagieren, wenn sie jahrelang nicht nur Tisch, sondern auch Bett teilen. Reichen zunächst für junge Paare zumeist Betten mit einer Breite von 1,40 Metern (und manchmal sogar schmaler) aus, sind in ausdauernden Beziehungen plötzlich Maße von 1,60 Meter oder gar 1,80 Meter gefragt. Loki Schmidt war überzeugt, dass ihre Ehe mit Altkanzler Helmut Schmidt auch deswegen 62 Jahre gehalten hat, weil sich die beiden auf getrennte Betten geeinigt hatten.

Mit zunehmendem Umfang des Bettes wird es allerdings immer schwieriger, nach Vorbild des französischen Grand Lit noch eine ungeteilte Matratze zu finden - und nicht diese Zwillingsbetten mit der lästigen Besucherritze, die Honoré de Balzac für den Tod aller Romantik und ein "Verbrechen an der Liebe" hielt. Nach diversen Umfragen teilen sich zwar 80 bis 90 Prozent der Paare in Deutschland das Bett, allerdings bestehen fast alle auf einer eigenen Bettdecke, in die sie sich kokonartig wie in eine Wurstpelle hüllen.

Allein oder zu zweit?

Ob Paare besser allein oder zu zweit schlafen, kann die Wissenschaft nicht eindeutig beantworten - hier unterscheiden sich die Geschlechter. Störungen durch den anderen sind eher die Regel denn die Ausnahme: Er schnarcht zu laut, sie ist zu unruhig, einer von beiden muss früher aufstehen oder will später ins Bett und die knarzenden Dielen wecken den Partner. Nächtliche Wanderungen, quietschende Türen und die Frage, ob das Fenster geöffnet oder geschlossen bleibt, zermürben die Partnerschaft. Die FC-Bayern-Bettwäsche, der Frottee-Schlafanzug, aber auch Heizdecken, Schlafbrillen und klebrige Ohropax-Brösel können zu Attraktivitätseinbußen im gemeinsamen Bett führen.

Zudem haben die Geschlechter offenbar unterschiedliche Vorlieben, wenn es um die Bettruhe geht: Frauen erholen sich tendenziell nachts besser, wenn sie getrennt schlafen. Offenbar sind die Ruhestörungen durch Männer lästiger - immerhin schnarchen 60 Prozent der Männer jenseits der 60 (und auch 40 Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe). Männer schlafen hingegen tiefer und fühlen sich geborgener, wenn sie sich der Gesellschaft ihrer Partnerin nachts sicher sein können. Dann pirschen sie seltener unruhig umher, um zu schauen, ob sie noch da ist.

Schlafmediziner erforschen derweil weiter die optimale Schlafdauer, vermessen und ergründen in Schlaflaboren die Schlaftiefe und was die Hirnströme währenddessen so alles anstellen. Die staunende Ehrfurcht vor dem Phänomen des tiefen Schlummers droht über dieser Rationalisierung des Schlafens vollends verloren zu gehen. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat noch zu schätzen gewusst, welche Fertigkeiten für richtiges Liegen und Ruhen nötig sind: "Schlafen ist kein geringes Kunststück, denn man muss den ganzen Tag dafür wach bleiben."

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Quelle:
SZ vom 19.01.2013/mcs
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