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Sauberkeitserziehung:Training zeigt keine Erfolge

Das Erstaunliche aber war: Frühes Training führte nicht zu früherem Trockensein. Fast alle Kinder konnten erst im Laufe des vierten Lebensjahres Darm und Blase so kontrollieren, dass sie tagsüber und nachts ohne Windeln auskamen. "Die Entwicklung der Blasen- und Darmkontrolle ist ein Reifeprozess, der nicht beschleunigt werden kann, indem das Kind besonders früh oder oft auf den Topf gesetzt wird", schließt Largo aus seinen Arbeiten.

Zeitiges Training hatte aber auch keine negativen Folgen. Die Sorge progressiver Eltern in den 1970er-Jahren, übereiltes Sauberkeitstraining führe zu sexueller Verklemmtheit, erwies sich als unbegründet. So lautet heute der Rat an Eltern: Warten Sie darauf, dass sich das Kind für das Töpfchen interessiert. Das tut es meist Ende des zweiten Lebensjahres.

"Damit das Kind selbständig wird, braucht es dann aber das Vorbild und die Unterstützung der Eltern", betont Largo. Wer diese Bereitschaftssignale des Kindes übersehe, könnte Probleme mit dem Abgewöhnen der Windel bekommen.

Doch wie passen Largos Forschungsergebnisse mit der Tatsache zusammen, dass in vielen traditionellen Kulturen Babys zumindest im Nahbereich der Eltern etwa mit sechs bis zwölf Monaten sauber sind? "Das heißt ja nicht, dass diese Kinder ihre Ausscheidungen beliebig kontrollieren können", erklärt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster in seinem Buch "Kinder verstehen". "Vielmehr können sie im Zusammenspiel mit einer engen Bezugsperson lernen, ihre Ausscheidungen zuverlässig anzuzeigen, ein längeres Aufschieben ist dagegen nicht möglich."

"Es gibt keine beste Methode"

Welche Art des Großwerdens die beste für die seelische und körperliche Gesundheit des Kindes ist, ist ungeklärt. "Es gibt keine beste Methode", sagt Alexandra Vermandel, Urologin an der Universität Antwerpen. "Aber jedes Toilettentraining sollte mit Belohnung, Lob und Warmherzigkeit arbeiten." Fehlt es hingegen an Unterstützung, wird Druck ausgeübt oder werden Misserfolge bestraft, dann kann das dazu führen, dass Kinder ihren Stuhl zurückhalten, einnässen oder einkoten.

Eine sehr spät begonnene Sauberkeitserziehung erhöhe zudem das Risiko für Blasenentzündungen und Bettnässen, arbeitete Darcie Kidoo, Urologin an der University of Alberta, in einem Übersichtsartikel 2012 heraus. Zweifelsohne sei ein wunder Po bei EC-Kindern wohl kein Thema, fügt Klaus Rodens hinzu.

Das Leben junger Eltern hierzulande unterscheidet sich allerdings fundamental von dem der Naturvölker. Kinder werden nicht ständig am Körper getragen, sie haben nicht wie in Asien Schlitzhosen, die ein schnelles Entleeren ermöglichen, und sie werden oft fremdbetreut. "Unter den gegebenen baulichen und klimatischen Verhältnissen kann das windellose Erziehen zu einem riesigen Stress ausarten", sagt Renz-Polster. Das sei "sicherlich kein Schmiermittel für die Eltern-Kind-Beziehung".

Der Kinderarzt Rodens formuliert es drastischer: "Wie sich die Eltern auf die Ausscheidung ihres Kindes fixieren, ist schlimm. Diese Innigkeit zwischen Eltern und Kind ist fast schon neurotisch."

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