Reproduktionsmedizin Ein Bluttest für alle schwangeren Frauen?

Gesund oder nicht? Das ist die quälendste Frage werdender Eltern. Ein Blick auf das Ultraschallbild kann sie erst spät beantworten.

(Foto: imago/Westend61)
  • Seit sechs Jahren gehört ein einfacher Test zum Angebot der Pränatalmediziner, der die Gesundheit des ungeborenen Kindes untersucht.
  • Anders als ältere Methoden der Früherkennung ist der Bluttest harmlos für das Kind, kostet aber rund 250 Euro.
  • Derzeit prüfen Ärztevertreter, Krankenkassen, Kliniken und Ethiker, ob dieser Test künftig jeder Frau kostenlos zur Verfügung stehen sollte.
Von Kristiana Ludwig, Berlin

Hinter Glas hängen an Julia Langes Arbeitsplatz unzählige Kinderfotos, es sind Postkarten des Elternglücks. Schlafende Babys, Babys mit Kulleraugen, und im Wartezimmer haben ihre Kollegen die Galerie noch um ungeborene Säuglinge ergänzt: mit Ultraschallbildern so groß wie Plakate. Julia Lange ist Pränatalmedizinerin in einer Berliner Spezialpraxis, sie hat sich auf die Untersuchung von werdendem Leben spezialisiert. Zur guten Hoffnung gehört in ihren Sprechstunden deshalb auch deren abruptes Ende. Lange diagnostiziert hier immer präziser Fehlbildungen, Krankheiten oder Behinderungen der Feten.

Seit sechs Jahren gehört ein neuer Test zum Angebot der Pränatalmediziner, der Frauen eine unkomplizierte und frühe Antwort auf eine ihrer drängendsten Fragen verspricht: Hat das Kind ein Down-Syndrom? Eine einfache Blutabnahme nach gerade einmal zehn Schwangerschaftswochen soll die riskante Fruchtwasseruntersuchung ersetzen - ein Eingriff, der zur Fehlgeburt führen kann.

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Der Bluttest ist dagegen harmlos, kostet aber rund 250 Euro. Lange empfiehlt ihn ihren Patientinnen meist dann, wenn sie im Ultraschall Auffälligkeiten entdeckt hat. Doch im Augenblick prüft das Berliner Gesundheitsgremium aus Ärztevertretern, Krankenkassen und Kliniken, ob dieser Test künftig jeder Frau kostenlos zur Verfügung stehen sollte. Bezahlt von der Krankenkasse könnte sie dann sehr früh erfahren, ob ihr Kind diese Behinderung haben könnte. Fast alle werdenden Eltern, die heute so eine Diagnose bekommen, brechen die Schwangerschaft anschließend ab.

In Dänemark habe sich die Zahl der Kinder mit Trisomie 21 halbiert

So könnte ein Bluttest für alle Eltern gravierende gesellschaftliche Folgen haben. Menschen mit Down-Syndrom würden in noch größerem Ausmaß als heute bereits vor ihrer Geburt aussortiert. Abgeordnete aus Union, SPD, der Fraktion der Grünen, der FDP und der Linken dringen nun darauf, dass sich der Bundestag in einer Orientierungsdebatte und später auch mit einer Gewissensfrage den neuen Möglichkeiten der Pränataldiagnostik annimmt. In einem gemeinsamen Papier fordern sie, Familien, in denen Kinder mit Down-Syndrom aufwachsen, in diese Debatte einzubeziehen. Sie befürchten, dass werdende Eltern zu wenig über das Leben mit Behinderungen erfahren - und dass "diejenigen immer stärker unter Rechtfertigungsdruck geraten, die sich gegen einen Test und gegebenenfalls für die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom entscheiden". In Dänemark habe sich die Zahl der Kinder mit dieser Behinderung halbiert, seit dort allen Schwangeren eine Risikoabschätzung bezahlt wird.

"Jetzt schon bekommen Menschen mit Down-Syndrom zu spüren, dass ihre Existenz in dieser Gesellschaft nicht gewünscht ist", sagt die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, Corinna Rüffer: "Wir müssen endlich diskutieren, wie zukünftig auch nach ethischen Maßstäben entschieden wird, welche Tests verfügbar sind." Die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis hält dagegen: Frauen dürften nicht bevormundet werden, sagt sie. Der Bluttest sei risikoärmer als die Fruchtwasseruntersuchung, welche älteren Frauen bereits als Kassenleistung zusteht. Es sei "schlicht ungerecht", dass er nur den Schwangeren zur Verfügung stehe, die ihn sich leisten können. "Frauen entscheiden, ob sie sich testen lassen oder nicht und auch darüber, was nach einem auffälligen Befund passiert", sagt Mattheis. Werdenden Eltern Behandlungen vorzuenthalten, findet sie falsch.

Im Haus der Pränatalpraxis von Julia Lange, am noblen Kurfürstendamm, befindet sich im Hinterhof auch eine Beratungsstelle des christlichen Vereins Donum Vitae. Hier sitzt Marlis Reich, 64, in einem kleinen Raum mit weichen Sesseln, zwei Päckchen Taschentücher liegen auf dem Tisch. Zu ihr kommen all die Paare, die zwei Etagen höher, in Langes Praxis, einen bedenklichen Befund erhalten haben. Reich bietet ihnen eine Schwangerschaftskonfliktberatung an.

"Die Paare stehen unter Druck", sagt sie. "Sie haben Angst, dass die berufliche Karriere nicht weitergeht. Angst, es aushalten zu müssen, wenn man so ein Kind hat, das ja auch äußerlich auffällig ist. Angst vor Abwertung im gesellschaftlichen Umfeld, unter dem Motto: Muss das wirklich sein? Hätte man das nicht vermeiden können?" Reich versucht dann, mit den werdenden Eltern über diese Ängste zu sprechen. In einem Schrank stapelt sie Prospekte, auf den Bildern sind sorgenvolle Erwachsene zu sehen oder ein fröhlicher Junge mit einer typischen runden, flachen Gesichtsform. Aber Marlis Reich weiß: Die Eltern, die aus ihrer eigenen Ethik heraus sagen: "Wir nehmen das Kind", die sind selten.

Eltern, die aus ihrer eigenen Ethik heraus sagen: "Wir nehmen das Kind", sind selten

Für Schwangere, die in der Pränataldiagnostik einen schlechten Befund bekommen und einen kranken Fötus abtreiben wollen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. In Deutschland können Frauen ihre Schwangerschaft bis zur zwölften Woche straffrei abbrechen, wenn sie sich vorher beraten lassen. Danach brauchen sie eine medizinische Indikation. Etwa bis zur 18. Schwangerschaftswoche beenden deutsche Ärzte Schwangerschaften noch mit einem operativen Eingriff. Danach ist es üblich, dass Frauen den Fötus tot gebären müssen. Eine sehr belastende Erfahrung, vor der sich viele Frauen fürchten. Wegen dieser Perspektive stehen werdende Eltern nach einer Diagnose unter Zeitdruck - was sowohl die psychosoziale Begleitung von Beraterinnen wie Marlis Reich erschwert, als auch die feinere Diagnostik der Ärzte.

Gerade der Bluttest, für alle eingeführt, könnte viele in ein Dilemma stürzen. Durch ihn erfahren sie zwar noch vor der zwölften Schwangerschaftswoche von einem Down-Syndrom und könnten verhältnismäßig unbürokratisch abtreiben. Doch erst nach dieser Frist sind Ärzte überhaupt in der Lage, auf den Ultraschallbildern zu erkennen, wie schwer die Erkrankung des Fötus überhaupt ist. "Zwischen zwölf und 13 Schwangerschaftswochen fängt es erst an, dass wir mehr Organe gut darstellen können", sagt Pränatalmedizinerin Lange. Und schließlich hat auch der Bluttest eine geringe Fehlerquote. Der Berufsverband niedergelassener Pränatalmediziner sieht den Test als Kassenleistung auch deshalb kritisch. Er dürfe "nicht losgelöst von etablierten Verfahren der pränatalen Diagnostik durchgeführt werden", sagt deren Präsident Alexander Scharf. Man lehne einen flächendeckenden Test "aus ethischen Gründen ausdrücklich ab".

Auch der Verein Donum Vitae, für den Marlis Reich arbeitet, warnt vor einer neuen "Schwangerschaft auf Probe". Reich war früher einmal Hebamme. Sie wünscht sich, dass Eltern zumindest früh Beratung bekommen, "damit sie die Zeit gewinnen, um sich zu entscheiden". Denn die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik werden ohnehin von Jahr zu Jahr besser.

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