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Psychotherapie:Forscher suchen nach der besonders wohltuenden Erzähl-Mischung

Erzählen verleiht Sinn und versöhnt mit erlittenem Leid - damit beschäftigt sich James Pennebaker an der University of Texas in Austin schon seit einigen Jahren. Der Psychologe und sein Team bitten Studenten üblicherweise zu einem mehrtägigen autobiografischen Experiment. Die Probanden, mittlerweile handelt es sich um Tausende, sollen an vier aufeinander folgenden Tagen über ihr Leben schreiben. Bei diesen Studien zeigte sich , wie sehr es hilft, sich erlebtes Unglück von der Seele zu reden. Wer schlimme Episoden erzählerisch verarbeitet, empfindet weniger Schmerz, nimmt weniger Arzneimittel ein und weist ein geringeres Risiko für eine Depression auf.

Pennebaker setzte bei seinen Analysen elektronische Worterfassungsprogramme ein und stieß so auf einige Gesetzmäßigkeiten, was den Stil heilender Geschichten angeht. Je mehr Probanden Wörter benutzten, die einen positiven emotionalen Zusammenhang herstellen, umso mehr verbesserte sich ihre Gesundheit (grob erfasst einfach anhand der Zahl der Arztbesuche im folgenden Jahr). Bei negativen Wörtern war der Zusammenhang etwas komplizierter. Nur ihr moderater Einsatz hatte den größten Rückgang bei den Arztbesuchen zur Folge. Als hinderlich für die Gesundung erwiesen sich sowohl das weitgehende Vermeiden als auch der übersteigerte Gebrauch negativer Wörter. Die Begründung, laut Pennebaker: Wer sich ständig mit belastenden Inhalten beschäftigt, steckt in Grübeleien fest, ohne einen Abschluss zu finden. Wer hingegen sehr wenige negative Wörter benutzt, zählt zu jenen Menschen, die negative Emotionen unterdrücken. Dabei ist das Leben manchmal eben bitter.

Die besonders wohltuende Erzähl-Mischung besteht laut Pennebaker aus vielen optimistischen und einer moderaten Menge negativer Wörter. Zudem ist es vorteilhaft, wenn die Zahl der Begriffe mit kausalen Bezügen während des Erzählens ansteigt. Am meisten profitierten jene, welche die Schreibübungen mit wenigen Kausalwörtern begonnen und mit vielen Kausalwörtern beendet hatten. "Dieses Muster zeigt an, dass die Probanden über die Tage eine Geschichte erzählten und das ist entscheidend dafür, dass sie ein Verständnis entwickeln", erklärt Pennebaker.

Manche Menschen gehen aus den Schreckenserlebnissen sogar gestärkt hervor

Der treibende Prozess der Heilkraft des Erzählens scheint nicht etwa darin zu bestehen, dass jemand seinen Affekten und seinem Ärger Ausdruck verleiht. Vielmehr kommt es auf die Übersetzung in Worte an, wie eine Forschungsarbeit nahelegt. So baten die Wissenschaftler um Pennebaker in einer Studie eine Probanden-Gruppe ihren Gefühlen durch körperliche Bewegungen Ausdruck zu verleihen, die andere schrieb wie gewohnt ihre Abenteuer auf. Zufriedener zeigten sich hernach alle. Aber die körperlichen Werte besserten sich nur bei den Erzählern. "Für die gesundheitlichen Effekte scheint es erforderlich zu sein, Erlebnisse in Sprache zu übersetzen", folgert Pennebaker. "Ein Narrativ zu haben, ist so etwas, wie einen Job zu Ende zu bringen, denn es erlaubt einem das Ereignis zu vergessen. Schmerzhafte Erlebnisse, die nicht in einem narrativen Format strukturiert werden, können fortlaufend negative Gedanke und Gefühle erzeugen."

Hier kommt ein Aspekt ins Spiel, der gerne vergessen wird, weil er vielleicht banal oder kitschig anmutet: das glückliche Ende. Geschichten befördern die Versöhnung, den persönlichen Abschluss mit einem Ärger. Die Schlussbewertung beendet quälende Grübeleien.

Bei dem Mädchen Aziza stellte sich gar etwas ein, das Therapeuten posttraumatisches Wachstum nennen: Manche Menschen bewältigen Schreckenserlebnisse nicht nur, sondern gehen gar gestärkt daraus hervor. In ihrem Leben erkennen sie einen neuen Sinn und fassen neue Ziele. Aziza, die heute in die neunte Klasse geht, möchte so schnell wie möglich Deutsch lernen und nach der Schule Jura studieren. Sie möchte nunmehr für andere kämpfen, denen Unrecht geschehen ist. Diese Zukunft symbolisieren vier Blumen, die sie ans Ende ihrer Lebenslinie gelegt hat.