Abu Mohammad al-Adnani Die Gräuelbilder des IS leben weiter

Dieses Foto eines IS-Konvois, der Richtung Raqqa fährt, wurde im Sommer 2014 über Social Media verbreitet.

(Foto: AP)

Al-Adnani, der Propagandachef der Terrormiliz, mag tot sein, doch im Netz lebt die Botschaft, die er verbreitete, weiter. Er hat eine beispiellose Verrohung in Gang gesetzt.

Kommentar von Moritz Baumstieger

Das Internet vergisst nichts. Diese simple Erkenntnis gilt nicht nur für leichtfertig hergeschenkte Personendaten und unbedachte Äußerungen in sozialen Netzwerken, sondern auch für das Werk jener, die das Netz als Resonanzraum für ihr menschenverachtendes Treiben missbrauchen. Der Propagandachef der Terrormiliz Islamischer Staat mag am Dienstag durch einen Präzisionsschlag der Anti-IS-Koalition getötet worden sein - das Vermächtnis des Abu Mohammad al-Adnani wird jedoch noch lange durch die digitale Welt hallen.

Die Reden, in denen der Syrer einsame Wölfe im Westen zu Attacken mit Messern, Äxten oder Lkws aufforderte, werden weiter geteilt, gelesen und leider auch befolgt werden. Sie geistern im arabischen Original durchs Netz, in der deutschen, englischen, französischen und russischen Übersetzung. Die Hochglanzmagazine und Videos, in denen die von al-Adnani aufgebaute Medienabteilung des IS das Morden darstellte, als sei der Dschihad ein Actionfilm, können Internetprovider und Seitenbetreiber wieder und wieder löschen. Und doch werden sie wieder auftauchen und ihre perfide Bestimmung erfüllen: Menschen in freien Gesellschaften verstören und Anfällige zu widerwärtigen Taten anstacheln.

Terror ist in erster Linie eine Aufmerksamkeitsstrategie. Durch spektakuläre Taten soll der Fokus einer bisher gleichgültigen Öffentlichkeit auf eine angeblich gerechte Sache gelenkt werden. Schon die Terroristen alten Schlages waren davon überzeugt, zur Durchsetzung ihrer Ziele ab und zu grausam sein zu müssen. Bei allem Zynismus bedauerten sie ihre Grausamkeit aber oft, nannten sie ein leider notwendiges Mittel zum Zweck.

Ganz verschwinden werden die Bilder des Schreckens nie

Beim IS und seinem Sprecher al-Adnani lag die Sache schon immer anders: Wer, wie er in seinen Ansprachen betont, alle Ungläubigen von diesem Erdball tilgen wolle und das auch ernst meint, für den ist der Einsatz von Grausamkeit kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Ein Selbstzweck, der zur Erlangung der größtmöglichen Aufmerksamkeit jedoch perfekt inszeniert wird: Wenn Menschen vom IS gekreuzigt, von Gebäuden geworfen, geköpft, bei lebendigem Leibe verbrannt, in Käfigen ersäuft oder in die Luft gesprengt werden, sind die Szenen endlos geprobt.

Abu Mohammad al-Adnani war zuletzt eine der prominentesten Führungsfiguren des IS.

(Foto: AP)

Inzwischen verlieren die Dschihadisten nun Schlacht um Schlacht, Stadt um Stadt und Führungsfigur um Führungsfigur. Die Hoffnung, dass die grausamen Bilder aus dem Reich des IS bald weniger werden, ist nicht unberechtigt - gänzlich verschwinden werden sie jedoch nie.

Denn man kann es nicht einfach als angeberische Übertreibung abtun, wenn sich der IS damit brüstet, eine neue, vielleicht noch radikalere Generation des Dschihad herangezogen zu haben. Über Jahre hat die Terrormiliz Kindern und Jugendlichen ihre Ideologie des Tötens vermittelt und ihnen das Handwerk beigebracht, das es zur Umsetzung braucht. Eben erst schockierte der IS die Welt mit einem Video, in dem vorpubertäre Jungen als Henker auftraten - wie zur Demonstration, dass der Kampf auch in Zukunft weitergehen wird, selbst wenn das Kalifat ein Ende haben sollte.

Eine beispiellose Verrohung

Vor allem aber hat der IS mit seinen Blutorgien eine beispiellose Verrohung in Gang gesetzt. Die Gesellschaften im Irak, in Syrien und in Libyen mögen auch schon vor dem Ausbruch der Bürgerkriege von einem hohen Gewaltniveau gezeichnet gewesen sein, gekreuzigt und geköpft wurde hier aber nicht. Doch nachdem der IS neue Standards des Gräuels setzte, dauerte es nicht lange, bis andere Milizen nachzogen.

Der IS hat mit seiner Gewalt ganze Völker traumatisiert. Diese Eskalation der Grausamkeit wird sich nicht einfach zurückdrehen lassen. Denn nicht nur das Netz, auch die Menschen tun sich bisweilen schwer mit dem Vergessen.

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