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Psychotherapie:Patienten durchleiden die Ereignisse immer wieder

Den Beschwerden liegt eine Besonderheit des Gedächtnisses zu Grunde: Im Zustand größter Panik und Angst schießen die Stresshormone in die Höhe. Dann funktioniert das Einspeichern von Informationen nicht wie sonst. Der Traumatisierte hat Geräusche, Gerüche, Schmerzen oder die Schreckensbilder von Verletzung und Verstümmelung vor Augen. Erinnerungen an den Kontext, an Zeit und Raum gehen aber verloren. Dies hat zur Folge, dass sich traumatische Erlebnisse nicht in den Lebenslauf integrieren. Als wäre die Uhr ihres Lebens angehalten, durchleiden die Patienten die widerwärtigen Ereignisse jederzeit und immer wieder. "Der Schrecken fühlt sich real an, der Horror zieht in die Gegenwart ein", sagt Schauer. Harmlose Reize, ein Knall, Geschrei, ein rattender Traktor, Flugzeuglärm oder eine schlagende Tür können Panik-Attacken auslösen.

Das Sortieren beginnt bei der Narrativen Expositionstherapie (NET) mit dem Auslegen der Lebenslinie. An einer Schnur, die den Fortgang der Zeit symbolisieren soll, legt der Patient Blumen - sie stehen für freudige Geschehnisse - oder Steine aus, letztere symbolisieren Belastendes. Dies führt ihm vor Augen, dass das Leben auch gewinnbringende Episoden zu bieten hatte. Für Aziza war dies etwa ihre Kindheit in ihrem Heimatdorf. Sie wuchs mit ihren Eltern, fünf Brüdern und zwei Schwestern auf und nennt diese Zeit "wundervoll". Es war im August 2014, als die islamistischen Terroristen in das Dorf eindrangen, die Männer, darunter vier ihrer Brüder, sowie ihren Vater umbrachten, und die Frauen verschleppten. Die Geschichte handelt auch vom Untergang arabischer Kultur, wie sie Bachtyar Ali so bilderreich in seinem Buch "Der letzte Granatapfel" beschrieben hat.

Psychiatrie Therapeuten beklagen "beschämend schlechte" Versorgung von Flüchtlingen
Traumatisierte Schutzsuchende

Therapeuten beklagen "beschämend schlechte" Versorgung von Flüchtlingen

Mindestens die Hälfte der Flüchtlinge leidet an einer psychischen Krankheit. Warum fast keiner von ihnen Aussicht auf umfassende Hilfe hat.   Von Berit Uhlmann

Den widerwärtigen und emotional besonders aufwühlenden Abschnitten, die Experten sprechen von heißen Erinnerungen, widmen die Therapeuten besondere Aufmerksamkeit. Der Patient berichtet von den Umständen, dem Wetter, Gerüchen, Stimmen, den Gesichtern der Menschen und nähert sich so dem Schrecken. Behutsam und mitfühlend, so fordern es die Entwickler der NET ausdrücklich, thematisiert der Behandler dabei dessen Gefühle und körperliche Reaktionen. "Spüren Sie die Beklemmung, ist Ihnen mulmig, schwitzen Sie jetzt?"

Nicht nur die verbale Erinnerung läuft während der Erzählung wie in einer Art Film ab - auch die körperlichen Reaktionen stellen sich nacheinander wieder ein, als würden die Momente erneut durchlitten: Wer vor Anstrengung schwitzen musste, dem wird Schweiß auf der Stirn stehen, wem die Angst Arme und Beine lähmte, wird sich wieder schwach fühlen. Für die Patienten sind dies die unangenehmsten Momente, denen sie am liebsten ausweichen möchten, indem sprachlos werden oder zum Ende springen. Die Therapeutin wird das verhindern und ihr Gegenüber langsam durch die entscheidenden Momente führen - was den Unterschied der NET zum freien Erzählen, etwa in Tagebüchern, Briefen oder Autobiografien ausmacht. Vor allem wird sie immer wieder daran erinnern, dass die Situation in der Erinnerung eine sichere ist. "Wie sah der Raum aus?", fragt Eva Barnewitz ihre jesidische Patientin, wenn sie von ihren Vergewaltigungen berichtet und ihr Blick ins Leere geht. Sie möchte, dass sie den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart erkennt.

Nach und nach erstellt die Patientin in den Behandlungssitzungen im Dialog mit dem Gegenüber eine detaillierte schriftliche Narration ihrer Lebensereignisse. Bei älteren Menschen kommt es so zu einer Gesamtschau des eigenen Lebens, zum Erkennen von Mustern und Zusammenhängen, zu einer Würdigung der Person. Am Ende ist eine Biografie entstanden, die beide, Patient und Therapeut, unterschreiben.

Bei dem größten Teil der Patienten lassen etwa Albträume nach, bei Kindern bessern sich die Schulnoten, die Schmerzempfindlichkeit sinkt und das Immunsystem wird stärker. Betroffenen fällt es daneben leichter, sich wieder in der Gesellschaft und das Berufsleben zu integrieren. Auf diesem Weg befindet sich auch Aziza, die ihre Sitzungen mittlerweile abgeschlossen hat. "Ich habe mich durch die Therapie verändert", sagt sie. "Zum Beispiel konnte ich davor nicht schlafen. Jetzt habe ich zwar noch manchmal Albträume, aber ich schlafe besser. Vor der Therapie habe ich oft an Selbstmord gedacht, weil ich große Sehnsucht nach meiner Familie und meinen Freundinnen hatte. Jetzt habe ich diese Gedanken nicht mehr."