Psychiatrie:Der Drang, sich besonders zu fühlen, ist menschlich

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Zahlreiche Forscher machen sich deshalb mittlerweile dafür stark, den Narzissmus differenzierter zu sehen. Er könne zwar pathologisch werden, aber auch in einem gesunden Bereich bleiben, der nicht zwangsläufig schädlich und unsozial sein muss. Die entscheidende Frage also lautet: Wo verläuft die Grenze zwischen diesen Formen? Gibt es sie überhaupt, eine scharfe Grenze?

Eher nicht, sagt der amerikanische Psychologe Craig Malkin. In seinem vor Kurzem erschienenen Buch "Der Narzissten-Test" plädiert er dafür, sich Narzissmus auf einer Skala von 0 bis 10 vorzustellen. Dabei siedelt er die gesunden Narzissten bei den mittleren Werten an. Sie sehen optimistisch auf ihr Leben, besitzen ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl und können emotionale Unterstützung gut geben und annehmen. Sie verfolgen Ziele in ihrem Leben und können mit vertrauten Personen trotzdem über ihre Zweifel und Unsicherheiten sprechen. Sie sind ehrgeizig, aber nicht auf Kosten ihrer Beziehungen. Gesunde Narzissten besitzen nicht nur ein positives Bild von sich selbst, sondern auch von ihren Lieben. Dosiert kann ein Narzisst ein Team beflügeln und Gruppen mitreißen.

Außerdem hält Malkin den Drang, sich besonders zu fühlen, schlicht für menschlich. Er folgt dem österreichisch-amerikanischen Psychoanalytiker Heinz Kohut (1913 - 1981), dem zufolge Narzissmus dem Bedürfnis entspringt, sich selbst zu schützen. Gerade Jugendliche müssten während der Pubertät überzeugt davon sein, Großes vollbringen zu können. Das treibe sie an.

So wundert das Ergebnis einer Studie kaum, die der Psychologe Jonathon Brown von der University of Washington im Fachmagazin Personality and Social Psychology Bulletin publizierte. Er wertete Standard-Fragebögen aus, die über mehrere Jahrzehnte in verschiedenen Ländern ausgefüllt wurden und das Selbstwertgefühl erfassen sollten. Dabei zeigte sich ein klarer Trend: Die überwältigende Mehrheit der Probanden gab an, mehr bewundernswerte und weniger abstoßende Eigenschaften zu besitzen als 80 Prozent des eigenen Umfelds.

In der Sozialpsychologie wird dieses Phänomen als der "Besser-als-der-Durchschnitt-Effekt" bezeichnet. Vermutlich dient diese leichte Überlegenheitsillusion der psychischen Gesundheit. Menschen mit gesundem Narzissmus leben häufig glücklicher, geselliger und gesünder als realistischere Zeitgenossen. Zudem gibt es Hinweise, dass sie sogar besser mit Schicksalsschlägen und Traumata zurechtkommen. Das zeigte sich etwa bei Überlebenden des Bosnienkrieges.

Am linken Ende von Craig Malkins Spektrum liegen die sogenannten Echoisten. So nennt der Psychologe Menschen, die sich auf seiner Skala zwischen 0 und 2 bewegen. Sie leiden unter einem Narzissmusdefizit und stellen ihre eigenen Bedürfnisse hinter die anderer Menschen zurück.

Sie haben stets das Gefühl, keine eigenen Ansprüche stellen zu dürfen und können emotionale Unterstützung durch andere Menschen nur schwer annehmen. Bei den Werten 3 und 4 auf dem Spektrum findet man Menschen, die zwar hin und wieder zulassen können, etwa an Geburtstagen besonders behandelt zu werden, doch oft vertrauen sie ihren eigenen Fähigkeiten nicht und versuchen, möglichst unsichtbar zu bleiben. Auch das ist psychisch nicht sonderlich gesund.

Wirklich problematisch für ihr Umfeld und sich selbst sind jedoch jene Menschen, die zwischen 9 und 10 Punkten auf der Malkin-Skala erreichen. Es sind jene, die tatsächlich unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gemäß dem psychiatrischen Diagnosekatalog leiden. Sie kennen keinerlei Mitgefühl, sabotieren andere und leiden unter Größenwahn. Etwa ein Prozent der Bevölkerung fällt unter diese Kategorie, schätzt der amerikanische Psychologe Joseph Burgo in seinem Buch "The narcissist you know". Die Ergebnisse decken sich mit einer Studie, die im Journal of Personality Disorders im Jahr 2010 erschien. Dabei wurden 40 000 Probanden auf Persönlichkeitsstörungen hin befragt. Hinweise auf eine ernsthafte narzisstische Persönlichkeitsstörung fanden die Forscher ebenfalls nur bei etwa einem Prozent der Befragten.

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