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Gesundheitspolitik:Es war einmal die Prohibition

Prohibition in den USA

Arbeiter zerstören während der Prohibition Bierfässer, die in einem Güterwaggon als Schmieröl deklariert und beschriftet waren.

(Foto: dpa)
  • Vor 100 Jahren wurde in den USA das landesweite Alkoholverbot beschlossen.
  • Es trat 1920 in Kraft und gilt bis heute als ein gescheitertes Experiment. Tatsächlich hatte das Gesetz viele Schwächen.
  • Den Alkoholkonsum reduzierte es dennoch. Gewalt und Gesetzlosigkeit waren höchstwahrscheinlich nicht so verbreitet, wie in Filmen und Serien oft dargestellt.

Kaum ein amerikanisches Verfassungsdokument dürfte die Fantasie Hollywoods so beflügelt haben, wie der 18. Zusatzartikel. Vor genau einem Jahrhundert wurde mit ihm die landesweite Alkoholprohibition ratifiziert, die im Folgejahr begann und anschließend 13 Jahre lang wilden Stoff bot.

So oft und ausladend wurde seither die Geschichte von Schmuggel, Suff und Schießwut erzählt, dass sich im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt diese Lesart festsetzte: Prohibition, das war die Katastrophe der Prüderie. Sie entfesselte Gesetzlosigkeit und Gewalt in den Großstädten und brachte Exzesse ohnegleichen über das Land. Noch heute kann man damit rechnen, dass die Geschichte vom gescheiterten US-Experiment hervorgeholt wird, sobald jemand über strengere Alkohol- oder Drogenregulierungen auch nur nachdenkt.

Doch tatsächlich taugt das amerikanische Alkoholverbot nicht zum politischen Lehrstück. Zu einzigartig und komplex sind die Vorgänge, zu lückenhaft die epidemiologischen Daten und zu sehr von Mythen durchsetzt ist die Interpretation.

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So war die Prohibition keinesfalls ein Wahnsinnsakt einiger weniger Frömmler und Fanatiker, sondern hatte breite Unterstützung in der Bevölkerung. Vor allem Frauen wollten die Familienkasse nicht mehr mit Kneipenwirten teilen und durch öffentlich trinkende Männer beschämt werden. Schon 1916 bezeichneten sich 23 US-Staaten als trocken. In 17 von ihnen hatten die Einwohner für das mehr oder weniger strikte Alkoholverbot gestimmt.

Die landesweite Prohibition bildete letztlich einen Kompromiss aus all den unterschiedlichen Regelungen der Bundesstaaten. Heraus kam ein Gesetzestext, dessen 72 Absätze kompliziert, mehrdeutig und widersprüchlich waren - und vor allem große Schlupflöcher ließen. Tatsächlich hatten die Prohibitionisten vor allem ein Ziel: Sie wollten den Saloon sterben sehen; jene Schenke, die als Hort der Korruption, der Enthemmung, manchen sogar als "siamesischer Zwilling der Syphilis" galt.

Doch so radikal man gegen den Alkohol in der Öffentlichkeit vorging, so sehr schreckte das Gesetz vor den Wohnungstüren zurück. Hinter ihnen durften die Schnapsregale bis zum Bersten gefüllt sein, es durfte Alkohol in beliebigen Mengen hergestellt und getrunken werden. Solange nicht bewiesen war, dass die Getränke der Geschäftemacherei dienten, hatte niemand etwas zu befürchten. Es öffneten Läden, die gut an Hopfen und Malz für die Heimbrauerei verdienten. Lebensmittelhändler stellten unverhohlen das Zubehör für die Weinkelterei aus.

Firmen, die Alkohol für industrielle Anwendungen - etwa im Frostschutzmittel - produzierten, wurden kaum kontrolliert. Denn wie schon die Privatsphäre wollte man auch das Unternehmertum nicht antasten. Tatsächlich wurde aus diesen Firmen massenhaft Alkohol für die Getränkeherstellung abgezweigt, wie es das National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA) vor einigen Jahren beschrieb. Es machte die Situation auch nicht besser, dass zunächst überwiegend schlecht ausgebildete und unterbezahlte Beamte für die Kontrolle der Prohibitionsregeln abgestellt wurden.