Pharmaindustrie Behörde verweigert Zertifikat für umstrittene Ärztefortbildung

Ärzte müssen sich regelmäßig fortbilden.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Landesärztekammer Baden-Württemberg verweigert ein wichtiges Zertifikat für eine Ärztefortbildung in Stuttgart.
  • Solche Veranstaltungen müssen "frei von wirtschaftlichen Interessen" sein. Das ist aber nicht immer der Fall.
  • Der Organisator hat Widerspruch eingelegt.
Von Hanno Charisius

Anfang Juli bekamen Teilnehmer einer Fortbildungsveranstaltung, die sie einen Monat zuvor in Stuttgart besucht hatten, ein Schreiben vom Organisator Omniamed. Das Unternehmen erklärte darin, dass die Landesärztekammer Baden-Württemberg die "CME-Zertifizierung" für diese Fortbildung abgelehnt habe. Omniamed werde Widerspruch einlegen.

CME steht für: "Continuing Medical Education", auf Deutsch etwa: "kontinuierliche Fortbildung in der Medizin". Ärzte sind seit dem Jahr 2004 zu einer solchen verpflichtet und müssen entsprechend zertifizierte Angebote nutzen. Omniamed ist einer der führenden deutschen Anbieter auf diesem Gebiet. Laut Sozialgesetzbuch müssen die Fortbildungsinhalte "dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Medizin, Zahnmedizin oder Psychotherapie entsprechen". Und: "Sie müssen frei von wirtschaftlichen Interessen sein." So steht es auch in der Fortbildungsordnung der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Was genau die Prüfer an der Omniamed-Veranstaltung in Stuttgart auszusetzen hatten, verrät die Behörde aus "datenschutzrechtlichen sowie wettbewerbsrechtlichen Gründen" jedoch nicht. Das Verfahren laufe noch.

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Der Verein Mezis verbucht es auf seiner Webseite als seinen Erfolg, dass die Ärztekammer die Zertifizierung verweigert. Mezis steht für "Mein essen zahl' ich selbst", eine Anspielung auf luxuriöse Mahlzeiten und Hotelunterkünfte, zu denen solchen Gefälligkeiten nicht abgeneigte Ärzte oft bei pharma-finanzierten Fortbildungen eingeladen werden. Mezis hat akribisch untersucht, welche Pharmafirmen bundesweit Ärzte-Fortbildungen des Anbieters Omniamed gesponsert haben. "Die Ergebnisse sind erschreckend und nicht überraschend", heißt es in der Mitteilung des Vereins. "Über 90 Prozent der ReferentInnen, die bei gesponserten Veranstaltungen Vorträge hielten, hatten zuvor Gelder von den sponsernden Pharmafirmen erhalten. Dabei sind die Sponsoringsummen für eine Tagesveranstaltung mit bis zu 200 000 Euro exorbitant hoch."

Aus Sicht von Omniamed ist das nicht erteilte Zertifikat ein normaler Vorgang und komme äußerst selten vor. Laut "Bauchgefühl" von Andreas Gill, "Customer Experience Manager" bei Omniamed, passiere dies etwa ein Mal im Jahr. Auf Nachfrage konkretisiert das Unternehmen die Zahl nicht. Man versuche, "so konkret wie möglich auf die Vorwürfe einzugehen", sagt Gill. "Wir wachsen an jeder Rückfrage."

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