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Gesundheitswesen:Wes Brot ich ess ...

Illustration Bestechung

Wieviel Korruption gibt es im Gesundheitswesen wirklich?

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Pharmafirmen sponsern Ärzte mit zweifelhaften Methoden - zum Beispiel mit sogenannten Anwendungsbeobachtung. Dabei gibt es noch elegantere Lockmittel.

Das Reizwort ist so lang, dass es in Fachkreisen meist abgekürzt wird. AWB steht für Anwendungsbeobachtung, eine umstrittene Praxis vieler Pharmakonzerne. Um zu prüfen, wie sich ein bereits zugelassenes Medikament in der Praxis bewährt, können die Hersteller freiwillig Ärzte beauftragen, dies an ihren Patienten zu dokumentieren.

Meist erhalten die Mediziner dafür ein Honorar. Eine "legale Form der Korruption" nannte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach die AWB einmal - denn sie fördere bei Ärzten den Anreiz, das jeweilige Mittel häufiger zu verschreiben, um an mehr Patienten zu verdienen. Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) widerspricht. Die Beobachtungen seien ein "unverzichtbares Instrument" in der Forschung, weil man damit etwaige Risiken früher bemerke.

Mediziner kassieren Millionen. Kann volle Transparenz das Vertrauen der Patienten stärken?

Man muss diesen Konflikt kennen, um die Brisanz jener Zahlen zu verstehen, die am Montag in Berlin vorgestellt worden sind. Insgesamt 575 Millionen Euro haben 54 Pharmakonzerne in Deutschland im vergangenen Jahr an Ärzte und anderes medizinisches Personal sowie an Organisationen und Einrichtungen im Gesundheitswesen gezahlt. Den Großteil dieser Summe, 366 Millionen Euro, gab die Industrie nach eigenen Angaben für "Forschung und Entwicklung" aus - also für klinische Studien und die umstrittenen AWB.

Die Zahlen sind das Ergebnis einer Transparenz-Offensive, zu der sich viele große Namen der Branche - darunter Pfizer, Novartis, Bayer, Sanofi und Boehringer Ingelheim - verpflichtet haben. Bis Monatsende soll jeder Konzern auf seiner Internetseite offenlegen, wie viel Geld an wen geflossen ist.

Die Aktion soll nach den Vorstellungen des VFA und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie das Vertrauen in die Industrie stärken - ob das klappt, ist freilich offen. In einem Bereich, der seit jeher mit Korruption in Verbindung gebracht wird, soll die Öffentlichkeit nun "nachvollziehen, wie Ärzte und Pharma-Unternehmen zusammenarbeiten".

Doch die Transparenz hat ihre Grenzen. So wurde am Montag nicht deutlich, wie sich die 366 Millionen Euro für "Forschung und Entwicklung" auf klinische Studien und die AWBs verteilen. Wer trotzdem wissen will, wie viel die Branche den deutschen Ärzten für die umstrittenen Beobachtungen überwiesen hat, soll in den kommenden Tagen alle 54 Berichte einzeln danach durchforsten. Zugleich wurde bekannt gegeben, dass Ärzte und andere medizinische Fachkräfte im vergangenen Jahr zusammen 119 Millionen Euro für Vortragshonorare und Fortbildungen erhalten haben, eine nicht minder umstrittene Praxis.

"Die Pharmakonzerne schicken täglich Vertreter mit vollen Köfferchen in die Arztpraxen"

Zudem sponserten die Konzerne Veranstaltungen und vergaben Spenden und Stiftungen in Höhe von 90 Millionen Euro. Die Angaben seien lediglich ein "Feigenblatt", empörte sich die Gesundheitspolitikerin der Linken, Kathrin Vogler: "Die Pharmakonzerne schicken täglich zehntausend Vertreter mit vollen Köfferchen in die Arztpraxen, um das Verschreibungsverhalten zu beeinflussen."

Dass es seitens der Industrie gar nicht erst aufwendiger AWBs bedarf, um Ärzte für einzelne Medikamente zu begeistern, zeigt eine neue Studie von Wissenschaftlern der University of California in San Francisco. Demnach genügt schon eine einzige Einladung zum Essen, damit ein Arzt den Namen des gewünschten Präparats häufiger verschreibt als zuvor. Lädt der Konzern gar vier Mal oder häufiger ein, steigt die Verschreibungsrate noch höher.

Bei einem Präparat mit dem cholesterinsenkenden Wirkstoff Rosuvastatin verdoppelten sich die ausgestellten Rezepte annähernd, bei einem Blutdrucksenker auf der Grundlage des Wirkstoffs Nebivolol kletterten sie um mehr als das Fünffache. Das ist das Ergebnis der Auswertung einer öffentlichen Datenbank, die 280 000 Ärzte in den USA verzeichnet. Immerhin bewiesen die Mediziner auch Geschmack: Je teurer das Essen war, desto eher stellten sie entsprechende Rezepte aus.