Organspende-Skandal in Regensburg:Enge Kontakte mit dem Chefarzt

Der Chefarzt des Universitätsklinikums Regensburg wird wegen des Organspende-Skandals beurlaubt. Nicht, weil er verdächtigt wird, von den angeblichen Manipulationen seines Oberarztes gewusst zu haben. Aber er stand ihm nahe. Womöglich war das Vertrauen schlicht zu groß.

Christina Berndt

Als Mitte Juli in Berlin der größte Transplantationskongress in der deutschen Geschichte begann, war das ein besonders schmerzlicher Moment für den Chef der Regensburger Chirurgie. Eigentlich hätte er den gigantischen Kongress mit 8000 Teilnehmern im ICC Berlin eröffnen dürfen. Denn zu dieser Zeit hätte er Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft sein sollen.

Doch aus dieser Ehre wurde nichts. Er hatte das Amt, für das er schon gewählt war, niederlegen müssen, nachdem Unregelmäßigkeiten an seinem Klinikum bekannt geworden waren: Sein Oberarzt hatte, wie bereits berichtet, Anfang 2005 eine Leber, die für eine Patientin in Regensburg bestimmt war, nach Jordanien gebracht und dort transplantiert.

Auch standen mehrere Patienten einer jordanischen Privatklinik, mit der das Regensburger Klinikum kooperierte, unerlaubterweise auf der deutschen Warteliste. Der Chefarzt betonte immer wieder, er habe von den Tricksereien nichts gewusst und sei deshalb auch nicht dafür verantwortlich. Seine Chirurgen-Kollegen aus anderen Kliniken mussten ihn drängen, bis er auf die Präsidentschaft verzichtete.

Das Gefühl, ihm widerfahre Unrecht, mag derzeit noch gewachsen sein. Am Donnerstag hat der Vorstand des Universitätsklinikums Regensburg den Chefarzt bis zur Aufklärung aller Unregelmäßigkeiten in seiner Abteilung beurlaubt. Und das, obwohl der bayerische Wissenschaftsminister und der Klinikumvorstand unisono betonten, es bestehe bisher kein Verdacht, der 51-Jährige sei selbst an den Fälschungen beteiligt, die vergangene Woche bekannt wurden: Die Unregelmäßigkeiten bei Lebertransplantationen am Uniklinikum Regensburg gehen weit über die Schiebereien im Zuge der Regensburg-Jordanien-Connection hinaus.

Ein produktives Team

Zwischen 2004 und 2006 soll der Oberarzt, der als Hauptverantwortlicher im Organ-Betrug von Göttingen gilt, auch in Regensburg in mindestens 23 Fällen Patientendaten manipuliert haben, um Kranke für eine Lebertransplantation zu bevorzugen. Der 45-Jährige, der inzwischen nicht mehr am Klinikum Göttingen arbeitet, bestreitet die Vorwürfe. Und der Regensburger Chefarzt betont, von diesen Manipulationen nichts gewusst zu haben. Für die SZ war er bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Ob einem Chef so umfassende Datenfälschungen entgehen können oder entgehen dürfen, werden Staatsanwaltschaft, Ministerium und Klinikumsvorstand zu klären haben. Womöglich war das Vertrauen des Chefs in seinen Oberarzt schlicht zu groß. Denn die beiden standen sich über Jahre sehr nahe. Auch nach den 2005 bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten in der Kooperation mit Jordanien hat sich der Chefarzt nie öffentlich von seinem Oberarzt distanziert. Erst in der vorvergangenen Woche sagte er der SZ, dass er im Fall der nach Jordanien gebrachten Leber von seinem Mitarbeiter hintergangen worden sei.

Der guten Zusammenarbeit der Beiden tat das offenbar keinen Abbruch. Auch nach der Leber-Affäre von 2005 waren sie ein produktives Team. Der Chefarzt bürgte in dem Jahr sogar noch für seinen Oberarzt bei dessen Aufnahme in die Vereinigung der Bayerischen Chirurgen. Zudem übertrug er dem Oberarzt weiterhin verantwortungsvolle Aufgaben. So begannen einige Jahre später in Regensburg auch Lebertransplantationen bei Kindern.

Kooperation mit der Frau des verdächtigen Oberarztes

Im Chirurgen-Jargon könnte man sagen: Die beiden waren so vertraut, dass sie einander ruhig gegenseitig Organe hätten spenden können. Denn im deutschen Transplantationsgesetz gibt es einen häufig zitierten Passus, der Organhandel verhindern soll: Demnach darf eine lebende Person einer anderen nur dann ein Organ oder einen Teil davon abtreten, wenn die beiden einander "in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahe stehen". Dieses Kriterium trifft auf den Chef- und den Oberarzt wohl in besonderem Maße zu.

Bis heute spricht der Chefarzt nur gut über den Hauptverdächtigen im Organ-Betrug. Er könne zwar nicht billigen, aber "psychologisch" nachvollziehen, was sein ehemaliger Mitarbeiter getan habe, sagte er der SZ vor einigen Tagen. Schließlich sei es um Leben und Tod einer jungen Frau gegangen. Bis heute preist er die fachlichen Qualitäten des Mannes, der ein exzellenter Chirurg sei und sich immer "extrem für seine Patienten eingesetzt" habe. Es überrasche ihn, dass sein früherer Mitarbeiter kriminell gehandelt haben soll.

Die Überraschung mag angesichts des langen gemeinsamen Weges schmerzen. Schon in den 1990er-Jahren haben sich die beiden Ärzte in der Kaderschmiede des berühmtesten deutschen Leberchirurgen Rudolf Pichlmayr an der Medizinischen Hochschule Hannover kennengelernt. Der Chefarzt habilitierte sich dort, der Oberarzt war Assistent. 1996 publizierten sie erstmals gemeinsam - über Lebertransplantationen bei älteren Menschen.

Als der Chefarzt 2003 den Lehrstuhl für Chirurgie an der Universitätsklinik Regensburg übernahm, holte er direkt den Oberarzt zu sich. Gemeinsam flogen sie 2004 nicht nur häufig nach Jordanien, um Patienten an einer mit dem Uniklinikum kooperierenden Klinik zu operieren, sondern auch zur Arab-Health-Gesundheitsmesse: Dort besuchten sie zusammen einen Verwandten des Scheichs von Abu Dhabi.

Mit dem Wechsel des Oberarztes an die Donau begann aber nicht nur der arabisch-deutsche Chirurgen-Transfer zu blühen, sondern auch seine wissenschaftliche Karriere. Die war bis dahin nur schleppend verlaufen: Nach der erwähnten Publikation aus dem Jahr 1996 hatte der Oberarzt fast zehn Jahre lang keine wissenschaftliche Arbeit mehr veröffentlicht. Das ist für eine erfolgreiche Hochschulkarriere eigentlich der Todesstoß.

Doch bei dem Chefarzt in Regensburg, der als wissenschaftliche Exzellenz gilt, kam der Oberarzt in Fahrt. 37-jährig, machte er dort endlich seinen Doktor. Vier Jahre später folgte die Habilitation. Auch nach dem Weggang des Oberarztes nach Göttingen publizierte er mit seinem Ex-Chef fleißig weiter. Auf einer der gemeinsamen Arbeiten steht sogar die Ehefrau des Oberarztes. Erstaunlicherweise promovierte auch sie, eine Zahnärztin, bei dem Chefarzt der Chirurgie - über Behandlungsstrategien bei Leberkrebs.

Auf der Webseite seiner Klinik zitiert der beurlaubte Chefarzt einen Spruch Hermann Hesses als sein Motto: "Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden", heißt es da. Was er mit diesem Zitat verbindet, bleibt vorerst unbeantwortet.

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