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Neuer Bluttest für Schwangere:"Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom"

Ganz simpel können Schwangere in Kürze überprüfen lassen, ob ihr Kind das Down-Syndrom hat. Doch der Bluttest ist umstritten, möglicherweise sogar rechtlich unzulässig. Es gehe fast ausschließlich um die Selektion von Ungeborenen, beklagt der Behindertenbeauftragte der Regierung. Wissenschaftler arbeiten bereits an viel weitreichenderen Untersuchungsmethoden.

Berit Uhlmann

Will eine Mutter heute wissen, ob ihr Kind das Down-Syndrom hat, muss sie sich mit einer Nadel in den Bauch stechen lassen. Der Arzt entnimmt so kindliche Zellen aus den Vorläuferzellen der Plazenta oder dem Fruchtwasser. Diese Prozeduren können nicht nur mit Blutungen und Schmerzen einhergehen, sondern erhöhen das Risiko einer Fehlgeburt. Etwa eines von 100 Ungeborenen überlebt die Untersuchung nicht.

Nun bringt die Konstanzer Firma LifeCodexx einen neuen Test auf den Markt: Nur ein Tropfen Blut der Mutter ist nötig, um das auch Trisomie 21 genannte Down-Syndrom mit großer Sicherheit zu erkennen. Direkte Nebenwirkungen sind nahezu ausgeschlossen. Doch Ethiker und Behindertenverbände werfen die Frage auf, ob der Test nicht längerfristig Nebenwirkungen auf die Gesellschaft haben kann. Dass nämlich mit den vereinfachten Methoden immer mehr Kinder auf Down-Syndrom untersucht und bei bestätigter Diagnose abgetrieben werden. Eine Entscheidung für ein Kind mit Trisomie 21 könnte Müttern dann immer schwerer fallen. Dabei geht das Down-Syndrom meist nur mit leichten Behinderungen einher.

Neuen Zündstoff liefert jetzt ein Gutachten, das sogar die rechtliche Zulässigkeit des sogenannten PraenaTests in Frage stellt. Der Jurist Klaus Ferdinand Gärditz von der Universität Bonn macht darin geltend, dass der Test dem Gendiagnostikgesetz widerspreche. Demnach dürften vorgeburtliche Untersuchungen nur zu therapeutischen Zwecken durchgeführt werden. Da aber Trisomie 21 nicht heilbar ist, diene der Test keinem Heilzweck. Die Untersuchung werde dazu dienen, bei den meisten bestätigten Diagnosen einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Damit stelle sie eine "unzulässige Gefährdung der Sicherheit und Gesundheit" des Ungeborenen dar.

"Im Gendiagnostikgesetz sind für derartige unzulässige vorgeburtliche Untersuchungen unter anderem mögliche strafrechtliche Folgen vorgesehen", heißt es in dem Gutachten. Die zuständigen Landesbehörden werden aufgefordert, die für Juli geplante Einführung der Untersuchungsmethode zu untersagen. Dieser Forderung schlossen sich am Donnerstag die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden von CDU und CSU, Ingrid Fischbach und Johannes Singhammer an.

Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, kritisierte bei der Vorstellung des Gutachtens am Donnerstag, es gehe bei dem Bluttest "fast ausschließlich um die Selektion" von Menschen mit Trisomie 21. Der Test "diskriminiert damit Menschen mit Down-Syndrom in der schlimmsten Form, nämlich in ihrem Recht auf Leben". Hüppe verwies darauf, dass bereits heute in mehr als 90 Prozent aller Fälle abgetrieben werde, wenn ein Down-Syndrom beim Kind diagnostiziert wird. Mit dem Test stehe zu befürchten, "dass die Rasterfahndung nach Menschen mit Down-Syndrom noch verstärkt wird".

Auch die Bundesvereinigung Lebenshilfe sowie Down-Syndrom-Organisationen kritisierten, der Tests stelle das Lebensrecht von Menschen mit Trisomie in Frage. Derzeit leben in Deutschland etwa 50.000 Menschen mit dem Syndrom.

Neuer Test erkennt weitere kindliche Krankheiten im Blut der Mutter

Während in Deutschland der Streit um den PraenaTest ausgetragen wird, legen US-Wissenschaftler in rascher Folge neue potenzielle Tests für Schwangere vor. Vor einem Monat präsentierten Wissenschaftler der University of Washington eine Methode, das Erbgut des Kindes aus etwas Blut der Mutter und Speichel des Vaters zu bestimmen. Mehr als 3000 Krankheiten, die auf Mutationen eines einzelnen Gens beruhen, sollen damit festgestellt werden können. Allerdings ist der Test derzeit noch viel zu aufwändig und teuer, um routinemäßig Anwendung zu finden.

Forscher der Stanford University stellten in dieser Woche die Grundzüge einer weiteren Testmethode vor. Das Team um Stephen Quake benötigt für die Gen-Analyse lediglich das Blut der Schwangeren. Durch eine neue Zählmethode von DNA-Abschnitten können die Forscher Rückschlüsse auf das gesamte Erbgut des Ungeborenen ziehen. "Wir gehen davon aus, dass es keine technischen Barrieren und viele praktische Anwendungen gibt, das gesamte fetale Genom ohne invasive Methoden zu bestimmen", lautet das Fazit der Forscher.

Mehr über Nutzen und Risiken der gängigen vorgeburtlichen Untersuchungen erfahren Sie in diesem Überblick.

© Süddeutsche.de/beu/mri/holz
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