Medizin:"Deine Antwort wurde als Nein erkannt"

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Der zweite Bereich ist Birbaumers Spezialgebiet. Seit Anfang der Neunzigerjahre forscht er vorrangig zur Kommunikation von Locked-In-Patienten. Um deren Lage besser einschätzen zu können, ließ er sich selbst einmal mit dem Nervengift Curare lähmen. Heute ist er einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet. Seine Forschergruppen schaffen es, dass 1999 zum ersten Mal ein Locked-In-Patient und 2014 zum ersten Mal eine CLIS-Patientin per Gedankenkraft auf Fragen antworteten.

Der Professor wartet jetzt auf die erste Antwort von Felix Stühler. Ist Istanbul die Hauptstadt von Deutschland? Sechs Sekunden lang zeichnet der Computer seine Hirnaktivität auf, gleicht das Muster ab. Dann sagt eine mechanische Stimme aus dem Lautsprecher: "Deine Antwort wurde als Nein erkannt." Sekunden später kommt die nächste Frage. Nach zwanzig Fragen zum Allgemeinwissen ist die zweite Kategorie dran: persönliche Fragen. Auch hier kennen die Forscher die Antworten. Du bist immer gern Kart gefahren: ja. Du hast gerne Theater gespielt: nein.

Felix Stühler beantwortet alle Fragen richtig. Nachdem die NIRS nicht funktioniert hat, ist die EEG ein voller Erfolg. 40 von 40 Fragen hat bisher noch keiner von Birbaumers Patienten geschafft. Entsprechend groß ist die Freude im Zimmer, die Mitarbeiter grinsen, Lena Stühler lacht vor Freude. Der Professor, kein Mann großer Emotionen, nickt anerkennend.

Was viel zählt, sind Freunde und Familie

Die Kappe hat er schon vielen ALS-Patienten aufgesetzt. Seit bald 30 Jahren fährt er durchs Land, manchmal sogar bis nach Italien. Zwischen fünf und zehn Patienten betreut Birbaumer gleichzeitig, er besucht sie alle drei Wochen. Mehr geht nicht. Etwa 50 Leute stehen auf der Warteliste. Bei der Auswahl seiner Patienten stellt Birbaumer immer dieselbe Bedingung: Die ALS-Patienten müssen sich beatmen lassen, wenn ihre Lunge versagt, sie müssen unbedingt weiterleben wollen. Seine Forschung ist auch ein Kampf gegen die Annahme, dass Locked-In-Patienten die Lust am Leben verlieren. Das denken viele Angehörige, das denken viele Ärzte.

2013 veröffentlichte Birbaumer mit Kollegen eine Studie, in der die Forscher 89 ALS-Patienten, 102 gesunde Personen und 86 Pfleger und Ärzte baten, die Lebensqualität und den Sterbewunsch der Betroffenen einzuschätzen. Mit einem überraschenden Ergebnis: Die gesunden Studienteilnehmer schätzten den Sterbewunsch deutlich höher ein als die Betroffenen. Zwar ist es durchaus so, dass ALS-Patienten kurz nach der Diagnose sehr unglücklich sind und häufig Suizidgedanken hegen. Das zeigt auch eine von Birbaumers Studien. Doch nach einiger Zeit scheint sich die Situation zu ändern. Sport, Essen oder Sex wird unwichtiger. Was viel zählt, sind Freunde und Familie.

Auf dem Kühlschrank steht ein Bild, auf dem Felix und Lena Stühler zu sehen sind. Beide sind noch im Kindergartenalter, sie stehen auf einer Wiese und halten Sonnenblumen in den Händen. Später in der Schule sind sie ein Paar geworden, dann kam das Studium, der erste Job, und vor dem 30. Geburtstag die Diagnose: ALS. Er fragte sich damals, ob es das nun schon gewesen sein sollte. Kurz darauf wurde seine Frau schwanger.

Sie zogen in die Nähe von Freunden und Verwandten, bauten die Wohnung um. Felix Stühler ließ sich in die Luftröhre schneiden. Dann riefen sie den Professor. Wenn die Tests nun auch in den nächsten Sitzungen erfolgreich sind, können sie die Kappe vielleicht bald allein zu Hause nutzen. Doch Felix Stühler will mehr. Er will auf Fragen nicht nur mit Ja oder Nein antworten können, wenn er bald komplett eingeschlossen ist. Er will mit seinem Sohn Gustav sprechen können.

Es gibt einen Weg, mit dem das möglich wäre, Birbaumer müsste dafür den Kopf von Felix Stühler aufbohren. Dann könnte er dort, unter die Schädeldecke, direkt aufs Gehirn ein Silikon-Implantat von einem halben Zentimeter Größe setzen, das per Elektrocorticographie die Hirnaktivität ableitet. Die zehn mal zehn Elektroden des Implantats sind immer noch nicht viel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Gehirn aus 80 bis 100 Milliarden Nervenzellen besteht. Die Messung ist aber deutlich feiner als die der EEG. Über einen Kopfhörer könnte der Computer Felix Stühler Buchstabenreihen vorlesen.

"Mit etwas Training könnte er dann eine Art inneren Mausklick machen", sagt Birbaumer. Per Auto-Vervollständigung wie beim Schreiben auf einem Smartphone wären sechs Wörter pro Minute denkbar. Sollte dies gelingen, wäre Felix Stühler der erste CLIS-Patient der Welt, der mit einem Implantat Wörter spricht. Er könnte seinen Computer steuern, er könnte Whatsapp-Nachrichten verschicken, er könnte rufen, wenn er etwas braucht.

Als Birbaumers Leute Felix Stühler entkabelt haben, will er erst einmal in Ruhe gelassen werden. Die anderen sollen aus dem Zimmer gehen. Er will jetzt wie früher die Formel 1 anschauen.

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