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Medizin:Experten betrachten Hirntumor-Studie kritisch

MRT-Aufnahmen eines Gehirns (Symbolbild).

(Foto: DedMityay - Fotolia)
  • Neuroonkologen vom Duke Cancer Center in den USA haben 61 Hirntumor-Patienten mit gentechnisch veränderten Viren behandelt.
  • Ziel dieser Therapie ist, Tumorzellen zu infizieren und so das körpereigene Immunsystem auf den Krebs zu hetzen.
  • Möglicherweise verlängert die Virus-Behandlung das Leben von Patienten mit einem besonders aggressiven Hirntumor. Eindeutig auf die Therapie zurückzuführen ist der Effekt aber nicht.

Von Felix Hütten

Ein Team von Wissenschaftlern hat 61 Hirntumor-Patienten mit gentechnisch veränderten Viren behandelt. Die Idee dieser Therapie war, die Tumorzellen gezielt zu infizieren und so das körpereigene Immunsystem auf den Krebs zu hetzen. Die Studie der Neuroonkologin Annick Desjardins und Kollegen vom Duke Cancer Center in den USA im New England Journal of Medicine zeigt nun: Die Virus-Behandlung scheint das Leben von Patienten mit einem besonders aggressiven Hirntumor zu verlängern. Eindeutig auf die Therapie zurückzuführen ist der Effekt aber nicht. Von den 61 Teilnehmern der Studie lebten zwei Jahre nach dem Eingriff immerhin noch acht, 48 Monate später noch drei Patienten. In einer Vergleichsgruppe mit Patienten ohne Viren-Behandlung lag die Überlebensrate noch niedriger. Die Studie mache deshalb Hoffnung, dass die Virustherapie in der Klinik zum Einsatz kommen könnte, sagt Guido Wollmann, Leiter des Christian Doppler Forschungslabors für virale Immuntherapie an der Medizinischen Universität Innsbruck. Allerdings könne von einer möglichen neuen Therapieoption erst gesprochen werden, wenn in einer größeren Studie ein Nutzen nachgewiesen werde.

Trotz der ersten positiven Ergebnisse bleibt unklar, ob es die Behandlung war, die das Überleben der Patienten verlängerte. Die Duke-Forscher hatten ihre Daten mit Patienten aus früheren Studien verglichen, die andere Voraussetzungen als die aktuelle Gruppe mitbrachte. So erhielten fast alle Patienten der neuen Studie zusätzlich zu den sogenannten Polio-Rhinoviren weitere Medikamente. "Die Ergebnisse zeigen die Durchführbarkeit des Ansatzes, helfen jedoch insbesondere wegen der massiven Co-Behandlung der Patienten und der konzeptionellen Mängel nicht, die Therapie klinisch einzuordnen", sagt Wolfgang Wick, Leiter des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Heidelberg. "Prinzipiell aber halte ich die Polio-Rhinoviren für nicht uninteressant."

Bislang ist die Medizin machtlos gegen die untersuchten Tumore - sogenannte Glioblastome vom Grad IV. Deren Zellen vermehren sich rasch und können in der Regel trotz Operation, Chemotherapie und Bestrahlung nie vollständig entfernt werden. fehu

© SZ vom 27.06.2018/fehu

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