Krebszellen unterscheiden sich stark voneinander:Anhäufung von Unterkrebsen

Ein Krebs entsteht nach heutigem Kenntnisstand aus einer einzigen entarteten Krebsstammzelle, die sich immer wieder teilt. Eigentlich handelt es sich also um Klone von Zellen, erläutert Trumpp, der am DKFZ die Abteilung Krebs und Stammzellen leitet. Das sei aber kein Widerspruch zur großen genetischen Heterogenität von Tumoren. Bei jeder Teilung verändern sich die Krebszellen weiter: Häufig fallen genau jene Gene aus, die in gesunden Zellen darüber wachen, dass das Erbgut unverändert bleibt. Deshalb können sich Mutationen in Krebszellen umso schneller anhäufen. In Swantons Studie fanden sich nur etwa ein Drittel aller Mutationen in sämtlichen Proben eines Patienten; knapp die Hälfte gab es in den meisten Proben; ein Viertel der Mutationen aber trat jeweils nur in einer einzigen Probe auf.

Diese recht neue Sicht auf den Krebs als eine Anhäufung von vielen Unterkrebsen hat zahlreiche Implikationen für Diagnose und Therapie. So könnte es an der Vielfalt der Tumorzellen liegen, wenn der Krebs eines Patienten anders als erwartet auf eine Therapie nicht anspricht, sagt Swanton.

Auch kann die Heterogenität der Tumore erklären, weshalb Ärzte und Wissenschaftler seit Jahren mehr oder weniger vergeblich versuchen, sogenannte Biomarker für Krebs zu finden: Moleküle in den Tumoren oder im Blut also, die eine klare Aussage darüber erlauben, ob der Tumor streuen wird und auf welche Therapie er am ehesten ansprechen wird.

Doch mit Ausnahme mancher berühmt gewordener Marker wie Her2/neu, einem Protein auf der Oberfläche von Brustkrebszellen, das den Krebs empfindlich gegenüber dem Medikament Herceptin macht, sind sie bisher kaum fündig geworden. Kein Wunder, meint Charles Swanton, wenn Tumore doch in sich so unterschiedlich sind. Die Suche sei in den meisten Fällen ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen, weil dazu gemeinhin nur eine einzelne Gewebeprobe pro Patient herangezogen wird. "Eine Biopsie ist eben nicht die ganze Wahrheit", sagt auch Andreas Trumpp.

Künftig sollten Ärzte größeres Augenmerk darauf legen, welche Mutationen eines Tumors wirklich häufig sind, empfiehlt Swanton. Die Erkennung solcher "Schlüsselmutationen", die sich in allen Teilen des Tumors finden, führe womöglich zum Ziel. Das sei erst recht der Fall, wenn sie noch dazu zielgerichtet mit einem Medikament angesteuert werden können, wie dies bei Her2/neu und Herceptin der Fall ist. Oft aber, betont Andreas Trumpp, wird es eine solche Schlüsselmutation nicht geben. "Mit einer einzigen Therapieform werden wir einem Krebs in den allermeisten Fällen nicht Herr werden. Denn damit keine Zelle zurückbleibt und wieder zu einem neuen Krebs heranwächst, müssen wir alle Tumorzellen erwischen - so unterschiedlich sie auch sind."

© SZ vom 09.03.2012/beu
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