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Biomarker:Blutwerte ohne Wert

Tumormarker gelten als Indikator dafür, ob Krebs wuchert, vor sich hin schlummert oder gar besiegt worden ist. Die regelmäßige Messung dieser Blutwerte ist ein lukratives Geschäft. Doch die Bedeutung von Tumor- und Biomarkern wird überschätzt.

Sie gelten unter Ärzten wie Patienten als Fetisch. Auf kaum eine Untersuchung sind Kranke und Gesunde so fixiert wie auf die Bestimmung von Biomarkern. Besonders Tumormarker gelten als Indikator dafür, ob Krebs wuchert, vor sich hin schlummert oder gar besiegt worden ist. Die regelmäßige Messung dieser Blutwerte ist ein lukratives Geschäft. Verantwortungsvolle Ärzte wissen aber längst, dass es unseriös wäre, anhand der Marker auf den Verlauf des Leidens oder mögliche Therapien zu schließen. Jetzt schlagen Ärzte der Stanford Universität Alarm. Sie belegen, wie die Aussagekraft von Biomarkern auch in der Fachwelt oft übertrieben wird.

Die Präventionsexperten John Ioannidis und Orestis Panagiotou berichten im Journal oft the American Medical Association (Bd. 305, S. 2200, 2011), dass Ärzte die Bedeutung der Biomarker oft falsch bewerten. "Man sollte den größeren Zusammenhang sehen", sagt Ioannidis. "Und angebliche wissenschaftliche Beweise müssen genau hinterfragt werden." In 29 von 35 Beispielen waren erste Berichte übertrieben; spätere gründliche Analysen relativierten angebliche Risiken, wenn Biomarker im Blut erhöht waren. Trotzdem wurden Studien mit extremen Ergebnissen viel häufiger zitiert.

Eine Studie an 33 Familien, in denen das mutierte Brustkrebsgen BRCA 1 gehäuft auftrat, ergab, dass Angehörige auch ein mehr als vierfach erhöhtes Risiko für Dickdarmkrebs in sich trugen. Die kleine Studie aus dem Jahr 1994 wurde mehr als tausendmal in der Fachliteratur zitiert. Später wurden in einer Überblicksarbeit die Daten Hunderter Familien mit dem Gendefekt ausgewertet. Die umfangreichere Analyse zeigte, dass die Risiken für einen Darmtumor viel geringer und in einigen Untersuchungen gar nicht vorhanden waren. Diese Studie wurde jedoch nur 26-mal zitiert.

Ärzte scheinen eine Vorliebe für beeindruckende Risikovorhersagen zu haben, denn viel öfter berufen sie sich auf Studien, in denen Gefahren schillernd ausgemalt wurden. "Forscher interpretieren ihre Daten kreativ - so funktioniert Wissenschaft nun mal und wir wollen auch niemanden an den Pranger stellen", sagt Ioannidis, der immer wieder die Glaubwürdigkeit der Forschung hinterfragt. "Aber man muss sich die Beweise genau anschauen und die Ergebnisse verifizieren und wiederholen, bevor man sie als Faktum hinnimmt."

"Biomarker haben eine nicht gerechtfertigte Euphorie ausgelöst", sagt der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. "Sie sind kaum aussagekräftig, denn die meisten Daten wurden rückwirkend erhoben. Man kann daher nicht sagen, welche Patienten von einer Therapie besonders profitieren." Viele Krebsmittel wirken nur bei 25 Prozent der Kranken. Theoretisch könnten Biomarker anzeigen, bei welcher Untergruppe die Behandlung etwas nützt, doch diese Daten gibt es nicht.

Auch die Aussagekraft der Homocystein-Konzentration im Blut ist stark überbewertet worden. 1991 zeigte eine Studie, dass bei 16 von 38 Patienten mit Schlaganfall, bei 7 von 25 Patienten mit arterieller Verschlusskrankheit und bei 18 von 60 Kranken mit engen Kranzgefäßen erhöhte Werte der Aminosäure vorlagen. In einer Vergleichsgruppe gesunder Erwachsener wiesen hingegen alle normale Blutspiegel auf - von einer mehr als 20-fach erhöhten Gefahr schrieben die Forscher. Die Studie wurde 1450-mal zitiert; Homocystein ist seitdem in Ärztekreisen als Risikofaktor für Herzkreislaufleiden etabliert. Eine Studie an mehr als 16000 Patienten aus dem Jahr 2000 ergab zwar nur ein 1,5-fach erhöhtes Risiko, wurde aber kaum wahrgenommen und nur 37-mal zitiert. Immerhin erstatten die Krankenkassen den knapp 30Euro teuren Test nur noch in Ausnahmefällen. Trotzdem werden diese und ähnliche Blutuntersuchungen Patienten als Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) angeboten, die sie selbst zahlen müssen.

"Viele Biomarker-Studien sind methodisch zweifelhaft, haben zu wenige Teilnehmer und beschränken sich nur auf Extremfälle", kritisiert der Epidemiologe Patrick Bossuyt von der Universität Amsterdam. "Trotzdem werden zu hohe Erwartungen geweckt und zwischen Hoffnung und Hype besteht oft nur ein schmaler Grat." Werden die Wirkungen übertrieben, sind Enttäuschungen unausweichlich.