Krebs und Ernährung Tricks und Täuschungsmanöver im Labor

Die Wissenschaftlerin nennt weitere Tricks und Täuschungsmanöver im Labor, die mehr Wirkung suggerieren, als vorhanden ist: "Zudem wird oft eine hohe Dosis verwendet, manchmal um das Hundertfache höher als die kleine Menge, die wir im Körper nachweisen können, wenn wir einmal in der Woche Brokkoli essen. Schon kleinste Veränderungen an der DNA werden dann überinterpretiert." In ihrer Schlussfolgerung ist Gerhäuser eindeutig - und eigentlich könnte man es dabei bewenden lassen: "Wir haben versucht, die Studien zum angeblichen Krebsschutz durch Obst und Gemüse zu wiederholen, aber die Ergebnisse lassen sich nur schwer reproduzieren."

Wenn Clarissa Gerhäuser dann tiefer in ihre Forschungsmaterie eintaucht, ist man doch wieder irritiert. Sie spricht von "überzeugenden Hinweisen", erklärt "plausible Mechanismen" und erkennt eine "umgekehrte Korrelation" zwischen manchen Ernährungsweisen und Krebs. Wie beispielsweise die DNA-Methylierung aktiviert wird oder die Acetylierung der Histone, das können Forscher inzwischen beeindruckend genau nachvollziehen. Allein im Brokkoli findet sich mit Sulphoraphan ein populäres Antioxidans, das in Dutzenden Zellkultur- und Tierversuchsstudien hemmende Wirkung auf Krebszellen gehabt hat.

Das heißt aber noch lange nicht, dass es Menschen hilft. Keine klinische Studie hat bisher einen therapeutischen Nutzen von Sulphoraphan belegen können - was Geschäftemacher nicht davon abhält, die Substanz zu 50 Euro für 30 Gramm auf den Markt zu bringen. Mit der Hoffnung Krebskranker lässt sich viel Geld verdienen.

Was schützt Asiaten vor Krebs? Man weiß es nicht.

Ähnliches gilt für die Isoflavone im Soja oder den Catechinen im Grünen Tee, darunter das besonders populäre Epigallocatechingallat: Zwar haben Menschen, die sich nach der fettarmen, sojareichen asiatischen Ernährung richten, seltener Brust-, Prostata- und Darmkrebs als die Bewohner Europas und Nordamerikas. Den Urgrund dafür in einem bestimmten Lebensmittel oder dessen Inhaltsstoffen zu identifizieren, gelang aber bisher trotz etlicher Versuche nicht.

Was meint Clarissa Gerhäuser dann, wenn sie von "überzeugenden Hinweisen" spricht? Hier sind allein die epigenetischen Mechanismen gemeint, die sie in Zellkultur oder Tierversuch beobachten kann. Nur: Diese Phänomene sind zwar vielleicht spannend für die Wissenschaft, Bedeutung für die Menschen und ihre Ernährung haben sie aber bisher nicht. Zu groß ist der Unterschied zwischen Mensch und - beispielsweise einem genetisch auf die Entstehung von Tumoren hin gezüchteten - Labortier. Zu oft haben Studien an Zellen oder isolierten Geweben beeindruckende Ergebnisse erbracht, aber nicht das halten können, was sie versprachen.

Der Popularität von fragwürdigen Diätratgebern für Krebskranke tut das jedoch keinen Abbruch. Fast jedes Früchtchen wurde schon als potenzieller Heilsbringer gefeiert. Und in der Hoffnung, die schwere Krankheit zu vermeiden oder gar doch noch besiegen zu können, und oft auch auf der Suche nach einem Grund für das Leiden werden die Diätfibeln gekauft und verschenkt. Kranken vermitteln sie die falsche Illusion, wieder gesund zu werden, wenn sie nur das Richtige essen.

Wissenschaftler würden Kranken einen großen Dienst erweisen, wenn sie ihre Forschungsergebnisse in aller Bescheidenheit richtig einordnen und sich öffentlich nur dann zu heiklen Themen wie Ernährung und Krebs äußern, wenn sie tatsächlich für Patienten relevante Befunde vorzuweisen haben.

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Der Nächste bitte

Richtiges Essen oder richtig essen

Schokolade macht schlank und Gemüse beugt Krebs vor - häufig erregen Studien, die zu solchen Ergebnissen kommen, große Aufmerksamkeit. Doch Nährwert bedeutet nicht immer Mehrwert. Ein Schlemmerabend mit Freunden kann mehr für die Gesundheit bringen als der größte Obstteller.