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Coronavirus:"Kommen Sie, Sie sind sicher bei uns!"

Monatsbilanz intensivmedizinischer Covid-19-Patienten

Leere Patientenbetten im Krankenhaus Großhadern auf dem Gang. Viele Patienten kommen nicht mehr in die Krankenhäuser, aus Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

(Foto: dpa)

Viele Patienten begeben sich derzeit trotz akuter Probleme nicht ins Krankenhaus - aus Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Mediziner wie Bernhard Meyer vom Münchner Klinikum rechts der Isar sind in Sorge.

Auf den Fluren vieler Krankenhäuser ist es derzeit trotz Covid-19 gespenstisch ruhig. Viele Patienten scheuen aus Angst vor Ansteckung den Besuch in der Klinik, selbst wenn sie dringend einen Arzt bräuchten. Bernhard Meyer, stellvertretender Ärztlicher Direktor des Münchner Klinikums rechts der Isar, ruft die Patienten deshalb eindringlich auf, bei akuten Problemen in die Kliniken zu kommen und auch ihre Therapien und Nachsorgeuntersuchungen nicht zu vernachlässigen.

SZ: Vor Kurzem haben Praxen und Kliniken Patienten noch dazu aufgerufen, Arztbesuche zu verschieben, wenn sie nicht unbedingt nötig sind. Und jetzt kommen so wenige Patienten in die Klinik, dass Ihnen das Sorge bereitet?

Bernhard Meyer: Ja, wir machen uns ernsthaft Sorgen um die Patienten. Denn es bleiben auch Menschen weg, die akut schwer erkrankt sind oder einen dringenden Nachsorgetermin haben. Patienten mit einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zum Beispiel, Patienten mit einer beginnenden Querschnittslähmung. Gerade beim Herzinfarkt oder Schlaganfall ist es aber essentiell, so schnell wie möglich in die Klinik zu gehen, da zählt jede Minute!

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Patienten wegbleiben?

Das begann vor ein paar Wochen. Da ist uns aufgefallen, dass neben der gewünschten Reduktion von planbaren und ausgewählten Patienten auf einmal auch die Notfallpatienten nicht mehr da waren. Gekommen sind noch die ganz schweren Fälle - wenn Sie so wollen diejenigen, die sich nicht wehren können, weil sie mit dem Rettungswagen gebracht werden. Aber die anderen, die nur leichte Symptome haben und deshalb selbst über den Gang in die Klinik entscheiden, blieben mehr und mehr weg.

Bernhard Meyer

Bernhard Meyer ist stellvertretender Ärztlicher Direktor des Münchner Klinikums rechts der Isar. Er ruft die Patienten deshalb eindringlich auf, bei akuten Problemen in die Kliniken zu kommen und auch ihre Therapien und Nachsorgeuntersuchungen nicht zu vernachlässigen.

(Foto: Stefanie Preuin)

Was haben Sie dann getan?

Erst waren wir überrascht, dann haben wir Kollegen aus anderen Häusern kontaktiert, deutschlandweit und sogar europaweit. So hat sich gezeigt, dass dies überall der Fall ist. Kollegen aus der schwer von Covid-19 betroffenen Lombardei haben in einem Rundbrief der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie sogar von einer Abnahme an akuten Herzinfarktpatienten um 50-70 Prozent gesprochen. Auch in anderen Regionen ist es ähnlich drastisch. Das kann für den einzelnen Patienten fatal sein. Denn gerade die leichten Herzinfarkt-Fälle sind diejenigen, die am meisten zu verlieren haben, wenn sie nicht schnell zu uns kommen. Ihnen kann am besten geholfen werden.

Warum kommen die Patienten momentan nicht - aus Sorge, sie könnten die ohnehin schon überlasteten Kliniken weiter überlasten oder aus Angst vor Ansteckung mit dem neuen Coronavirus?

Wahrscheinlich ist beides der Fall. Aber der wichtigste Grund ist wohl, dass die Patienten Angst haben. Das sehen Sie an den Patienten mit Krebs. Hier gibt es ja manche Patienten, deren Behandlung man verschieben kann. Andere können nicht warten, die müssen behandelt werden. Doch selbst in dieser Gruppe sagen manche Patienten ihre geplanten Termine für die Therapie oder für die Nachsorge ab. Aber wenn Sie zum Beispiel einen Brustkrebs haben, der prinzipiell heilbar ist, und die Therapie unterbrechen, dann gefährden Sie sich selbst!

In den Krankenhäusern liegen derzeit viele Patienten mit Covid-19. Ist die Sorge nicht berechtigt, sich in der Klinik mit Sars-CoV-2 anzustecken?

Die Trennung von Covid-19-Patienten und anderen Patienten ist bei uns extrem gut organisiert. Die beiden Patientengruppen versorgen wir getrennt voneinander, sowohl auf der Intensivstation als auch auf den normalen Stationen, diese Patienten begegnen sich nicht. Ich verstehe es ja, dass die Menschen Angst haben. Von außen sieht unser Krankenhaus momentan aus wie eine Trutzburg - mit all der Security und den Absperrungen. Aber innen ist alles bestens geordnet. Es ist extrem ruhig, weniger hektisch als zu normalen Zeiten.

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Aber natürlich kann man im Wartezimmer auf Menschen treffen, die nichts von ihrer Sars-CoV-2-Infektion wissen ...

Auf diese Leute können Sie überall treffen. Aber die Gefahr, dass Sie sich bei solchen Menschen im Supermarkt anstecken, ist größer als bei uns. Denn bei uns wird jeder Patient aus Prinzip so behandelt, als hätte er eine Infektion.

Wie viele Menschen haben sich denn in Ihrem Krankenhaus mit Sars-CoV-2 angesteckt?

Die Zahl der Menschen, die sich bei uns in der Klinik mit Covid-19 angesteckt hat, ist verschwindend gering. Es gab sehr wenige Patienten, die sich, soweit wir das nachvollziehen können, womöglich bei uns im Haus angesteckt haben. Und von den wenigen Mitarbeitern, die infiziert sind, haben sich 90 Prozent zu Haus angesteckt. Die Maßnahmen zum Schutz vor Ansteckung greifen also. Wir können deshalb nur an die Patienten appellieren: Bitte kommen Sie mit Ihren akuten Beschwerden, nehmen Sie Ihre Behandlungen und Nachsorgeuntersuchungen wahr! Wir nehmen uns die Zeit für Sie und Sie sind auch sicher bei uns! In jedem Fall ist die Gefahr für Ihre Gesundheit größer, wenn Sie nicht kommen.

© Sz.de/hij
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