Konsequenzen aus dem Flugzeugunglück Ärztliche Schweigepflicht muss streng bleiben

Ein Pilot sitzt im Cockpit eines Verkehrsflugzeugs.

(Foto: dpa)

Nach der Germanwings-Tragödie wäre eine gelockerte Schweigepflicht für Ärzte und Psychologen der falsche Weg. Das würde die Grundlage des Arzt-Patienten-Verhältnisses erschüttern.

Kommentar von Werner Bartens

Die Angehörigen wollen eine Erklärung für das Unerklärliche; der Rest der Welt auch. Was treibt jemanden dazu, nicht nur sich selbst umzubringen, sondern auch das Leben von 149 anderen Menschen auszulöschen? Welche Gedanken und Gefühle leiten einen solchen Menschen, was passiert in seinem Gehirn, wie lautet die Diagnose?

Es ist nur zu verständlich, dass die schockierten Hinterbliebenen und all jene, die noch immer fassungslos angesichts der Tragödie sind, verstehen wollen. Welches Leiden, welcher Antrieb steckt hinter dem gezielt herbeigeführten Flugzeugabsturz?

Auch im menschlichen Körper gibt es eine "Black Box"

So verständlich diese aus Verzweiflung und Kummer geborene Wissbegier ist, so wenig schafft eine gelockerte Schweigepflicht für Ärzte, Psychologen und andere Heilberufe hier Abhilfe. Zwar fordern manche Politiker jetzt, dass die Verschwiegenheitsklausel bei Angehörigen "sensibler Berufe" aufgeweicht werden soll, wenn der Verdacht besteht, dass sie ihre verantwortungsvolle Aufgabe nicht mehr erfüllen können.

Flugzeugabsturz in Frankreich Sollte in bestimmten Fällen die ärztliche Schweigepflicht gelockert werden?
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Sollte in bestimmten Fällen die ärztliche Schweigepflicht gelockert werden?

Der Copilot des verunglückten Passagierflugzeugs war wohl psychisch krank. Seine Ärzte wussten das und haben ihm Atteste ausgestellt. Sein Arbeitgeber allerdings hat davon nichts erfahren. Sollte bei bestimmten Berufsgruppen die ärztliche Schweigepflicht gelockert werden?   Diskutieren Sie mit uns.

Doch mit diesem populär anmutenden Vorstoß lässt sich kein Unglück verhindern. Wüssten all die Piloten, Lokführer, Busfahrer, U-Bahn-Lenker, Seilbahnschaffner und Fluglotsen, dass sie sich nicht mehr auf die Schweigepflicht ihres Behandlers verlassen können, sie würden nicht mehr zu ihm gehen; jedenfalls dann nicht, wenn es darauf ankäme. Die Angst, krankgeschrieben zu werden, wäre zu groß - oder gar die Sorge, dass der Arbeitgeber dauerhaft auf Distanz geht, weil ihm der Mitarbeiter als psychisch zu labil erscheint.

Die Vielfalt psychischer Erkrankungen und Einschränkungen ist so groß, dass sich Ausmaß und Prognose nur ungenau bestimmen lassen. Zwar kann man Elektriker auf Sehkraft und Farbsichtigkeit untersuchen und so darauf hoffen, dass sie immer die richtigen Strippen ziehen. Doch nicht nur in Flugzeugen, sondern auch im menschlichen Körper gibt es eine Art "Black Box".

Der in den vergangenen Tagen oft gehörte Satz, wonach man Menschen nicht in den Kopf schauen könne, enthält viel Wahres. Trotz aller Erkenntnisse der Neurobiologie und Psychiatrie ist das Gehirn so undurchschaubar, dass Ärzte nicht eindeutig voraussagen können, welcher psychisch Kranke gefährlich für seine Mitmenschen wird.