Kinderkrankheit:Nicht impfen - ein tödlicher Irrtum

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Masernimpfung

Ein Kinderarzt gibt einem Mädchen eine Masernimpfung. Die Krankheit kann verheerende Folgen haben.

(Foto: dpa)

Noch immer lehnen einige Eltern es ab, ihren Nachwuchs gegen Masern impfen zu lassen. Doch ihre Argumente sind zweifelhaft , denn die Krankheit kann extrem gefährlich werden.

Von Werner Bartens

Angehustet, angesteckt und dann lebensgefährlich erkrankt? Doch nicht hier. Kinderkrankheiten, die tödlich verlaufen? Vielleicht in Afrika, aber nicht in Deutschland. Viele Menschen wähnen sich in hiesigen Breiten in Sicherheit vor tückischen Erregern und bedrohlichen Infektionen. Doch der Eindruck trügt. Wie vergangene Woche bekannt wurde, starb kürzlich in Essen eine 37 Jahre alte Frau trotz intensivmedizinischer Behandlung an Masern. Offenbar war die Frau als Kind einmal geimpft worden, was den damaligen Empfehlungen entsprach. Dies reicht nach heutigem Stand jedoch nicht aus. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt für Kinder zwei Impfungen.

Die Masern werden von Viren übertragen, die das Immunsystem schwächen. Beginnend mit Fieber treten nach drei bis sieben Tagen bräunlich-rosafarbene Hautflecken auf. In der Folge kommt es leichter zu bakteriellen Superinfektionen; am häufigsten zu Mittelohrentzündung, Bronchitis, Lungenentzündung oder Durchfall. "Masern sind aber nicht nur die akute Kinderkrankheit mit typischem Hautausschlag, vielmehr treffen die Viren das wichtigste Organ des Kindes - das Gehirn", sagt Florian Heinen, Chef der Abteilung für Neurologie und Entwicklungsstörungen am Haunerschen Kinderspital der Uni München. "Masern können akut zur Enzephalitis führen, einer schweren Entzündung des gesamten Gehirns. Die Kinder verlieren das Bewusstsein, haben epileptische Anfälle, können sich nicht mehr bewegen, Körper und Gehirn sind schwer betroffen. Für manche ist der Ausgang tödlich, andere erholen sich komplett."

Im Rahmen jeder tausendsten Masernerkrankung kommt es zur gefürchteten akuten Hirnentzündung. Sie beginnt vier bis sieben Tage nach Auftreten der Hautflecken. Bei zehn bis 20 Prozent der Betroffenen endet sie tödlich, bei 20 bis 30 Prozent bleiben geistige oder körperliche Beeinträchtigungen zurück. Noch verheerender ist die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), eine seltene Spätkomplikation, die erst sechs bis acht Jahre nach der Infektion auftritt. "Masern können nicht nur als dramatische akute Erkrankung das Gehirn des Kindes treffen, sondern es auch schleichend zerstören", sagt Kinderarzt Heinen. "Diese fürchterliche Komplikation der Masern bedeutet, dass funktionstragendes Hirngewebe durch narbiges Gewebe ersetzt wird - bis zum Verlust der kompletten Gehirnfunktion."

Zu vier bis elf SSPE-Fällen pro 100 000 Masernerkrankungen kommt es. Das ist zwar insgesamt sehr selten; ein höheres Risiko besteht jedoch bei Kleinkindern unter fünf Jahren. Dieses wird auf 20 bis 60 Fälle pro 100 000 Masernerkrankungen geschätzt. Beginnend mit psychischen Veränderungen geht es den Kindern immer schlechter, sie leiden unter neurologischen Ausfällen. Die Krankheit verläuft stets tödlich. "Die einzige Möglichkeit, eine solche Komplikation zu verhindern, ist die Impfung im frühen Kindesalter", sagt Heinen. Erst im April hat eine Studie aus England im renommierten Fachmagazin Lancet gezeigt, dass seit Einführung der Impfung 97 Prozent weniger Masern-Enzephalitiden aufgetreten sind. "Das ist ein großartiger Erfolg für die Gesundheit der Kinder und unterstreicht, wie wichtig die vollständige Impfung ist."

Es ist nicht vernünftig, die Krankheit "durchzumachen", wie Impfgegner behaupten

Zwar sind die Quoten für die Masernimpfung bei Schulanfängern in der Tendenz steigend, sie liegen in Deutschland bei 96,8 Prozent für die erste und bei 92,8 Prozent für die zweite Impfung. "Trotzdem ist die rechtzeitige Impfung seit Jahren ein Problem", sagt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut. "So sind viel zu wenige Kinder im Alter von zwei Jahren vollständig gegen die Masern geimpft." Für die zweite Impfung der Kinder im Alter von 24 Monaten ist zwar ein starker Aufwärtstrend zu beobachten. Im Geburtsjahrgang 2004 waren nur 59,1 Prozent der Zweijährigen geimpft, vom Geburtsjahrgang 2013 immerhin schon 73,7 Prozent. "Trotzdem ist damit jedes Jahr bei rund 180 000 Zweijährigen in Deutschland ein ausreichender Schutz gegen Masern ungewiss, oder sie sind gar nicht geimpft", sagte Lothar Wieler, Präsident des RKI, anlässlich der Europäischen Impfwoche. "Das ist ein unhaltbarer Zustand."

Dass Masernviren immer wieder zu schweren Krankheitsfällen führen, liegt allerdings vor allem an den großen Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Stiko empfiehlt seit 2010, dass die nach 1970 Geborenen ihren Impfschutz nachholen sollten, wenn in ihrem Impfausweis keine oder nur eine Impfung vermerkt sein sollte. Von den 30- bis 39-Jährigen zum Beispiel haben nur knapp die Hälfte einen Impfschutz vor Masern, das heißt eine oder zwei Impfungen, bekommen. "Das bedeutet eben auch, dass mehr als die Hälfte in dieser Altersgruppe gar nicht geimpft ist", sagt Glasmacher. Viele Menschen wissen gar nicht um diese Impflücken.

Die Masern "durchmachen" zu wollen, ist unvernünftig

Wer vor 1970 geboren wurde, ist wahrscheinlich lebenslang vor Masern geschützt. Damals gab es noch keine Impfung, fast alle Kinder haben die Masern durchgemacht. Epidemiologische Daten zeigen, dass 95 bis 98 Prozent der Kinder aus den 1960ern und 1950ern eine Immunität gegen Masern aufweisen. Sie gehören zu jenen, die damals die Krankheit folgenlos überlebt und keine Komplikation erlitten haben. Es ist leicht, gegen Impfungen zu sein, wenn man von den anderen geschützt wird, die sich impfen lassen. Dabei ist die Impfung selbst mit weitaus geringeren Risiken verbunden als die Krankheit. Gelegentlich kann es zu Fieberkrämpfen kommen, ganz selten zu allergischen Reaktionen oder Gelenkentzündungen.

Kinderkrankheit: SZ-Grafik; Quelle: Robert Koch-Institut

SZ-Grafik; Quelle: Robert Koch-Institut

Im Vergleich dazu ist das Risiko durch die Krankheit hoch, auch in Deutschland. Nach Angaben der WHO liegt die Sterblichkeit durch Masern zwischen 0,05 und 0,1 Prozent. In Entwicklungsländern kann sie bei fünf Prozent liegen. Werden auch Verläufe nach SSPE berücksichtigt, kommt man in Deutschland auf 15 Todesfälle durch Masern von 2001 bis 2012. Dies entspricht etwa einem Todesfall pro 1000 Masernerkrankte. Todesfälle gab es in Deutschland vor 2017 zuletzt 2015, damals starb ein Kleinkind - 2011 ein junger Mann. Masernfälle schwanken stark, wie die Grafik zeigt. Breitet sich eine Infektion in Regionen aus, in denen wenig geimpft wird, sind viele Krankheitsfälle zu beklagen.

Impfgegner behaupten häufig, dass es besser sei, die Krankheit "durchzumachen". Vernünftig ist das nicht. Zwar verleiht auch die Krankheit Immunität, doch davon profitiert nur, wer die Infektion ohne Komplikationen überstanden hat. Zudem wird erwähnt, dass der Impfstoff gefährlich sei. Doch Nebenwirkungen und Gegenreaktionen der Impfung werden in vielen Ländern von Behörden dokumentiert und sind äußerst selten.

Auch die Fälschung von Andrew Wakefield wirkt nach. Der Brite, der längst seine Zulassung als Arzt verloren hat, behauptete 1998, dass die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln eine chronische Darmentzündung und Autismus auslösen würde. Der Beitrag wurde zwar als vermutlich größter Betrug der Medizingeschichte entlarvt, denn die Kinder litten bereits vor der Impfung an Autismus und Morbus Crohn. Trotzdem hat sich bei vielen impfkritischen Eltern der Irrglaube festgesetzt, die Impfung könne die genannten Krankheiten auslösen.

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