Krankenversicherung "Eigentlich sollte es uns gar nicht geben"

"Ein sehr gesunder Junge": Peter Schwick untersucht ein Baby, dessen Eltern in keiner Krankenkasse sind. Er impft Kinder, macht Ultraschalls und behandelt chronisch Kranke.

(Foto: Jan A. Staiger)
  • Deutschlandweit leben geschätzt 80 000 Menschen ohne Krankenversicherung.
  • Darunter sind viele Migranten, aber auch Deutsche, die sich keine Krankenversicherung leisten können.
  • Einrichtungen wie Open.Med behandeln die Menschen unentgeltlich.
Von Inga Rahmsdorf

Patient Nummer 4821 ist sieben Monate alt, seine Mutter trägt ihn auf dem Arm ins Behandlungszimmer. Der Junge strahlt den Kinderarzt an, die Mutter lächelt schüchtern. Peter Schwick, 51 Jahre, begrüßt beide und deutet auf einen freien Stuhl. "Was kann ich für Sie tun?", fragt er mit ruhiger Stimme. Wie Mutter und Sohn heißen, wo sie wohnen, das weiß der Kinderarzt nicht. Danach fragt er auch nicht. Schwick behandelt seine Patienten anonym. Und kostenlos. Eine Krankenversicherung hat der Junge nicht.

Zwischen Untersuchungsliege, Ultraschallgerät und Schreibtisch ist in dem Zimmer nicht viel Platz. Sonnenlicht fällt nur durch ein kleines Fenster. Auf einem Regalbrett liegen Schachteln mit Hustensaft, Kautabletten, Fieberzäpfchen, Injektionslösungen. Darunter klebt ein Schild: "Medikamente zum Mitgeben". Daneben eine Dose mit Fieberthermometern und der Aufschrift: "Zu verschenken".

Es ist keine gewöhnliche Kinderarztpraxis. Open.Med heißt die Einrichtung, in der Peter Schwick zweimal im Monat Kinder behandelt, die nicht krankenversichert sind. Sie liegt im Erdgeschoss eines sechsstöckigen Hauses in München. Draußen rauschen Autos vorbei, dazwischen fahren Trambahnen. Es ist nicht weit bis zu Schwicks eigener Kinderarztpraxis, die in einem Altbau am Englischen Garten liegt. Nicht einmal vier Kilometer fährt er mit dem Fahrrad dorthin. Doch es sind zwei gegensätzliche Welten, auf die der Arzt in den Behandlungszimmern trifft.

Es kommen auch viele Deutsche, die ihre Krankenversicherung nicht bezahlen können

Auch in seiner eigener Praxis reichen die Eltern am Empfang keine Krankenkassenkarte über den Tresen. Schwick und seine Praxispartner haben keine Zulassung der gesetzlichen Krankenkassen. Sie behandeln nur Privatpatienten. Oder Eltern, die eine Behandlung selbst bezahlen können. In einer so reichen Stadt wie München funktioniert das. Die Praxis ist gut besucht.

Doch nur Kinder zu behandeln, die in wohlhabenden Familien aufwachsen, das entspricht nicht seinem Selbstverständnis als Arzt. Schwick weiß, dass es auch die andere Seite dieser Stadt gibt: Familien am Rande der Gesellschaft. "Wir leben in einer der reichsten Städte und trotzdem gibt es hier viele Kinder, die medizinisch nicht versorgt werden. Das ist doch unfassbar."

Vor zehn Jahren erfuhr er, dass die Organisation Ärzte der Welt in München eine Sprechstunde anbietet, in der Menschen ohne Krankenversicherung behandelt werden. Auch viele Familien kamen dorthin. Einen Kinderarzt aber gab es nicht. Also gründete Schwick 2008 gemeinsam mit Ärzte der Welt eine kostenlose Sprechstunde für Kinder und Jugendliche.

Während der Kinderarzt sich mit der Mutter unterhält, spielt der Junge mit dem Stethoskop, das ihm um den Hals hängt. Die Mutter spricht Englisch, das deutsche Wort "Vorsorgeuntersuchung" kennt sie. Sie holt ein gelbes Heft aus ihrer Handtasche. Ein Heft, wie es jedes Kind in Deutschland bei der Geburt erhält. Gewicht, Größe, Kopfumfang und die Entwicklung werden darin dokumentiert. So sollen Krankheiten früh erkannt und Kinder rechtzeitig unterstützt werden. Wenn aber Eltern keine Krankenversicherung haben, haben ihre Kinder meist auch keine - ohne ehrenamtliches Engagement haben sie dann auch keinen Arzt, der ihre Entwicklung begleitet.

Eigentlich müsste hierzulande jeder Mensch krankenversichert sein. Seit 2007 gilt eine Versicherungspflicht. "Für Menschen ohne Schutz heißt es jetzt: Willkommen in der Solidarität", sagte die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) bei der Verabschiedung des Gesetzes.

Doch daraus ist nichts geworden. Viele Menschen fallen aus dem System. Nach der letzten Erhebung des Statistischen Bundesamts lebten im Jahr 2015 deutschlandweit 80 000 Menschen ohne Krankenversicherung. Aktuelle Zahlen gibt es nicht. In der Münchner Einrichtung von Open.Med haben die Ärzte im vergangenen Jahr insgesamt 574 Patienten behandelt, 73 davon waren Kinder. Bulgaren bildeten mit 26 Prozent die größte nationale Gruppe, die zweitgrößte waren Deutsche (14 Prozent). Die Zahl der Patienten ist seit Gründung des Projekts im Jahr 2006 stetig gestiegen. Insgesamt wurden bereits mehr als 4800 Menschen dort behandelt.

"Wenn der Arztbesuch zum Anrennen gegen eine Wand wird. Dann bieten wir eine offene Tür." Das steht in großen Buchstaben draußen an der Eingangstür von Open.Med. Die Einrichtung soll einladend sein. Und niedrigschwellig. Wenn man am Rande der Gesellschaft lebt und kein Geld hat, sind die Hemmungen oft groß, eine Arztpraxis aufzusuchen.

An manchen Tagen sitzen nur zwei Patienten im Wartezimmer, manchmal sind es auch zehn. Den typischen Patienten gibt es nicht. Es kommen Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben und befürchten, dass sie abgeschoben werden, wenn sie einen Arzt aufsuchen. Es kommen auch Geflüchtete mit einem laufenden Asylverfahren. Sie sind zwar krankenversichert, dürfen aber nur bei akuten Erkrankungen behandelt werden, nicht bei chronischen Beschwerden. Eine chinesische Studentin kam, weil sie schwanger war, ihre Krankenkasse aber eine Entbindung und die Behandlung des Babys nicht abdeckte. Schwick behandelt auch Kinder von Eltern aus Osteuropa, die in München putzen oder auf Baustellen arbeiten. Viele von ihnen wurden mit Versprechungen angelockt, erhielten dann aber keine sozialversicherungspflichtige Arbeit.