Medizin:Wenn sich der Impfstoff selbst vermehrt

Medizin: Um mitten in der Pandemie schnell viele Menschen impfen zu können, wurden in Japan vorübergehend auch einige Spielhallen in Impfzentren verwandelt.

Um mitten in der Pandemie schnell viele Menschen impfen zu können, wurden in Japan vorübergehend auch einige Spielhallen in Impfzentren verwandelt.

(Foto: Carl Court/Getty Images)

In Japan wurde erstmals ein mRNA-Vakzin zugelassen, das sich im Körper noch eine Weile lang selbst vervielfältigt. Forschende sehen in der Technologie ein hohes Potenzial.

Von Christina Berndt

Ein neuer Impfstoff kann sich selbständig im Körper vermehren. Gerade hat das Vakzin namens ARCT-154 als das erste seiner Art eine dauerhafte Zulassung erhalten. Auf den ersten Blick besteht der neue Impfstoff ebenso wie die Covid-Vakzine von Biontech und Moderna aus mRNA - das Biomolekül liefert die Bauanleitung für das Stachelprotein, das sich auf der Oberfläche des Coronavirus Sars-CoV-2 befindet. Sobald die Impfstoffe in die Körperzellen eines Menschen gelangen, beginnen diese nach Anleitung der mRNA das Stachelprotein herzustellen; das Immunsystem ist gewarnt und bildet Antikörper gegen den Fremdling.

Doch während die herkömmlichen Impfstoffe in der Zelle nur kurz zur Produktion des Corona-Stachels beitragen und bald abgebaut werden, vervielfältigt sich der neue Impfstoff im Körper. Das hat nach Meinung der Befürworter dieser Technologie, die sich "selbstamplifizierende mRNA" (sa-mRNA) nennt, einige Vorteile. So können geringere Mengen ausreichen, die nur ein Sechstel bis ein Zehntel so groß sind wie die der bisherigen mRNA-Impfstoffe, um eine kräftige Immunantwort auszulösen. Auch sind dadurch Stachelproteine über längere Zeit im Körper verfügbar, was wiederum die Immunantwort stärkt. Der Immunologe Drew Weissman, der gerade für seine grundlegenden Arbeiten rund um die mRNA-Impfung einen Nobelpreis erhalten hat und den Hersteller Arcturus Therapeutics berät, blickt jedenfalls hoffnungsvoll auf die sich selbst vermehrenden Impfstoffe. Er halte sie für eine sehr nachhaltige Option, sagte er laut einer Pressemitteilung.

"Eine unglaubliche Bestätigung für dieses Feld."

Zugelassen wurde das neue Vakzin bisher nur in Japan. Dort hatte auch die bisher wichtigste Untersuchung zu Nutzen und Risiken des Präparats stattgefunden. Laut der Studie, die noch nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, hat der Impfstoff ARCT-154 die in ihn gesetzten Hoffnungen größtenteils erfüllt: Im Rahmen der Untersuchung erhielten 828 Testpersonen, die zuvor bereits dreimal geimpft worden waren, eine vierte Impfung - entweder mit ARCT-154 oder mit dem Biontech-Impfstoff Comirnaty. Vier Wochen später hatten sich die Antikörperspiegel gegen das Coronavirus bei den ARCT-154-Geimpften um den Faktor 6,7 erhöht, bei den Biontech-Geimpften hingegen lediglich um den Faktor 4,4. Als milder erwies sich ARCT-154 allerdings nicht: Impfreaktionen traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf. So berichteten 95 Prozent der ARCT-154-Geimpften und 97 Prozent der Biontech-Geimpften von lokalen Reaktionen an der Einstichstelle. Über Unwohlsein und andere Symptome wie Kopfschmerzen, Schüttelfrost oder Muskelschmerzen klagten in beiden Gruppen insgesamt knapp zwei Drittel der Geimpften.

Das könne daran liegen, dass die optimale Dosis noch nicht gefunden sei, sagte der Impfstoffforscher Niek Sanders von der Universität im belgischen Gent der Zeitschrift Nature. Es sei bei den sa-mRNA-Vakzinen mitunter eine knifflige Sache, die richtige Menge an mRNA und die richtigen Zusatzgene zu finden, sodass sich der Wunsch nach optimaler Wirkung bei minimaler Nebenwirkung erfülle.

Der neue Impfstoff kann sich selbst vermehren, weil er nicht nur die mRNA für das Stachelprotein enthält, sondern zusätzlich noch Gene für das Enzym Replikase, welches die mRNA vervielfältigt. Die biochemischen Maschinen, die der Impfstoff dazu braucht, stammen vom Venezolanischen Pferdeenzephalitis-Virus. Dieser Erreger kann bei Pferden und Menschen eine Hirnentzündung auslösen, aber in dem Impfstoff befinden sich nur einzelne Gene dieses Virus, sodass er die Krankheit nicht auslösen kann.

An sa-mRNA wird bereits seit rund 20 Jahren geforscht, es gibt auch mehrere Firmen und Start-ups, die sich auf diese Thematik spezialisiert haben. Der erste zugelassene Impfstoff sei "eine unglaubliche Bestätigung für dieses Feld", sagte Nathaniel Wang, Mitgründer der Firma Replicate Bioscience in San Diego, die ebenfalls sa-mRNA-Vakzine entwickelt. Derzeit befinden sich international zwölf sa-mRNA-Impfstoffkandidaten in klinischen Studien. Manche richten sich gegen Infektionskrankheiten wie Influenza oder Gürtelrose, andere sollen bei Krebserkrankungen helfen. Es gibt aber auch noch weitere Möglichkeiten der Anwendung, zum Beispiel die Herstellung heilender Proteine im Körper durch die injizierte sa-mRNA.

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