Wissenschaftspolitik:Vielen Experten reicht es, besser forschen zu können. Für die Praxis ist das aber oft zu wenig

Auch andere Zentren wie das DZNE sind derzeit zwar mit Patienten, aber weniger mit der Wertschöpfung auf dem Markt befasst. Was daran liegen mag, dass gegen Alzheimer und Demenz noch keine aussichtsreichen Ansätze für Therapien gefunden wurden. Zugleich geht es aber um die alltägliche Versorgung von Menschen mit solchen Erkrankungen. "Wenn zehn Einrichtungen innerhalb des Zentrums an einem Thema arbeiten, können wir aus den Wissensbeständen der anderen Bereiche schöpfen", sagt Martina Roes von der Universität Witten/Herdecke. Roes ist Sprecherin des Zentrums in Witten und für Methodik und Implementierung, also Einführung in Klinik und Lebensrealität, verantwortlich. Es geht darum, den Alltag der Patienten zu verbessern - wobei auch Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung helfen, wie die Soziologin erklärt. Tatsächlich hat das DZNE im Bereich der Versorgungsforschung bereits Erfolge erzielt.

Doch wenn es um Medikamente und neue Therapien geht, klappt es mit der Translation noch nicht so, wie es der Plan des BMBF vorsieht. Und dafür gibt es nach Ansicht von Christian Drosten Gründe. Drosten hat den Erreger der Sars-Epidemie 2003 entdeckt und war 2012 daran beteiligt, den Auslöser des Mers-Ausbruchs zu identifizieren. Er ist zudem erfahren in der translationalen Forschung. Der Virologe arbeitet seit sechs Jahren als Mitglied im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung. Im vergangenen Jahr wechselte er von Bonn an die Charité - auf eine Professur des Berlin Institut für Gesundheitsforschung, das ebenfalls translational arbeitet.

Von der Idee, Forschung von Grund auf an der Anwendung zu orientieren, hält er jedoch wenig. "Grundlagenforschung stochert im Nebel - und ob sich hinter diesem Nebel ein Raum verbirgt oder nur eine Wand, das lässt sich nicht vorab bestellen. Das wissen wir nicht", sagt Drosten. Etwas Relevantes zu finden sei oft Zufall, das dürfe man nicht versuchen zu steuern.

Sollte sich jedoch das Potenzial für ein Medikament oder eine Therapie ergeben, existiere in der deutschen Forschung eine Translationslücke - nämlich in der Übersetzung auf den Markt. "Hier ist Steuerung von außen notwendig", sagt der Virusforscher. Oft fehlten professionelle Kenntnisse über die Aussichten, eine Behandlung in der realen Konkurrenz zu etablieren.

"Wenn man diese Entscheidung Wissenschaftlern überlässt, die schon viele Jahre an Projekten arbeiten, fängt es schnell an zu menscheln." Der Virusforscher wünscht sich deshalb speziell ausgebildete Experten auf Seiten der fördernden Institutionen, die harte, aber fundierte Entscheidungen über einzelne Ansätze treffen. So, wie es auch in anderen Institutionen passiert, zum Beispiel in der Bill & Melinda Gates Foundation, die weltweit Gesundheitsforschung fördert.

In den Plänen des Bundesforschungsministeriums sind solche Steuerungsgremien bislang nicht vorgesehen. Laut einem Gutachten des Wissenschaftsrats sollen sich die Zentren vor allem untereinander stärker vernetzen. Nach wie vor steuern sich die Mediziner und Naturwissenschaftler innerhalb der Zentren aber selbst. Was für die ohnehin hervorragende Grundlagenforschung in Deutschland sicherlich von Vorteil ist. In der Praxis aber kommt auf diese Weise wohl weiter zu wenig an.

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