Ebola Die ersten Ebola-Fälle rüttelten in Liberia kaum jemanden auf

So spektakulär das Virus auch tötet: Die Tatsache, dass es sich in den drei Ländern bislang so ungehemmt ausbreiten konnte, wirft vor allem ein Schlaglicht auf die tief wurzelnden politischen und gesellschaftlichen Missstände dort. Guinea, Sierra Leone und Liberia gehören zu den ärmsten Staaten der Welt, das Vertrauen in die Eliten und die staatlichen Institutionen ist gering - aus nachvollziehbaren Gründen, wie sich aktuell nun wieder zeigt.

In Liberia etwa wurden die beiden ersten Ebola-Fälle Mitte März registriert; die Kranken waren offenbar über die weitgehend offene Grenze aus dem Nachbarland Guinea gekommen, wo der Ausbruch begonnen hatte. Anfang April fiel bei einem weiteren Mann der Test auf das Virus positiv aus - und in seinem Fall gab es keine Hinweise darauf, dass er Kontakt mit Menschen aus Guinea gehabt oder selbst dorthin gereist wäre. Ein Alarmzeichen: Offenbar war das Virus bereits dabei, sich in Liberia eigenständig auszubreiten.

Doch die Regierenden in der Hauptstadt Monrovia, die sich für das Geschehen in den entlegenen ländlichen Gebieten generell nur mäßig interessieren, ließen sich davon kaum aufrütteln. Erst Mitte April ließ die Regierung das erste Testlabor eröffnen - mehrere Autostunden von den Ausbruchsgebieten im Norden des Landes entfernt.

Auch im benachbarten Sierra Leone, wo sich das Virus am rasantesten ausgebreitet hat, war es vor allem das Fehlen einer entschlossenen Informations- und Aufklärungspolitik - so konnten Falschinformationen und Gerüchte ungehemmt grassieren, in einer Gesellschaft, in dessen kollektivem Bewusstsein die Kolonialzeit und ein äußerst brutaler Bürgerkrieg in den 1990er Jahren noch immer präsent sind. Zwar hat das Land seit Ende des Krieges vor zwölf Jahren beachtliche Fortschritte im Wiederaufbau gemacht - doch noch immer haben die Menschen in den ländlichen Gegenden oft den Eindruck, von den Eliten in der Hauptstadt vernachlässigt zu werden. Vom Wirtschaftswachstum, das numerisch zu den höchsten des Kontinents gehört, spüren sie außerhalb der großen Städte wenig.

Wenn dann plötzlich Vertreter dieses fernen, abstrakten Staates in Dörfern auftauchen, schlägt ihnen oft Misstrauen entgegen - und wenn die Bürokraten auch noch in Begleitung hellhäutiger Ausländer kommen, umso schlimmer. Mehrfach machten Gerüchte die Runde, die Europäer hätten die Krankheit erst ins Land gebracht, und in ihren Behandlungszentren stellten sie grausame Menschenversuche mit den dorthin Verschleppten an. Dass viele nicht lebend zurück kamen, schien diese Befürchtungen zu belegen.

So besteht für die Helfer von "Ärzte ohne Grenzen" und dem Roten Kreuz eine der größten Herausforderungen darin, Kranke in entlegenen Dörfern aufzuspüren - und deren Angehörige und Dorfoberhäupter davon zu überzeugen, ihnen den Abtransport der Kranken zu gestatten. Die weißen Schutzanzüge, in denen die Ausländer dabei oft auftreten, wirken obendrein nicht gerade als vertrauensbildende Maßnahme. Mitunter verstecken Familien ihre kranken, hochansteckenden Angehörigen gezielt vor dem Zugriff der vermeintlichen Invasoren; in einem besonders spektakulären Fall verschwand eine infizierte junge Frau im Juli aus einer Klinik in der Hauptstadt Freetown, entführt von ihrer Familie. Radiosender verbreiteten regelrechte Fahndungsaufrufe nach der Frau, die ein "Risiko für alle" darstelle. Schließlich stellte sich die Frau den Behörden und erlag wenige Tage später ihrer Infektion.

Mehr als 60 Ärzte und Helfer sind in den drei Ländern inzwischen selbst an Ebola gestorben, darunter fünf Krankenschwestern, die sich im Juli in einer Klinik in der Stadt Kenema, Sierra Leone, infizierten. Wie sich später herausstellte, hatte ihnen die nötige Schutzausrüstung gefehlt; Anzüge, Brillen, Atemmasken, Stiefel. Die bis dato noch gesunden Kolleginnen traten darauf hin in den Streik für bessere Arbeitsbedingungen, die Regierung versprach ihnen eine zusätzliche Gefahrenzulage von umgerechnet rund 22 Euro pro Woche, doch es blieb bei der Ankündigung.

Fälle wie diese zeigen, worum es sich bei dem Erreger, der imstande ist, auf der ganzen Welt Angst und Schrecken zu verbreiten, in Wirklichkeit vor allem handelt: um eine Krankheit der Armen.

Ebola

Chronik eines beispiellosen Ausbruchs