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Seuche:Ebola-Epidemie ist beendet

Health workers rest outside a quarantine zone at a Red Cross facility in the town of Koidu

Auch für die Ärzte und Pfleger entspannt sich die Situation. Viele kostete die Epidemie das Leben.

(Foto: REUTERS)

Auch Liberia ist nun offiziell für Ebola-frei erklärt worden. Damit ist Westafrika von der seit 2014 wütenden Seuche erlöst. Doch Forscher mahnen, die richtigen Lehren zu ziehen.

Von Kai Kupferschmidt

In Liberia wird an diesem Donnerstag wieder auf der Straße getanzt. 42 Tage nach dem letzten Ebola-Fall hat die Weltgesundheitsorganisation WHO das Land für Ebola-frei erklärt. Damit sind alle drei westafrikanischen Länder offiziell von der Seuche befreit. Mehr als zwei Jahre nachdem ein Kleinkind in einem Dorf in Guinea sich mit dem tödlichen Virus angesteckt hat, ist der größte Ebola-Ausbruch aller Zeiten vorerst vorbei.

28 637 Erkrankte hat die WHO gezählt. Am Höhepunkt der Epidemie waren es mehr als tausend pro Woche. Schwerkranke Patienten starben vor den verschlossenen Toren überfüllter Behandlungszentren, Krematorien wurden eigens gebaut.

Mehr als 11 000 Menschen sind gestorben. In Liberia allein hat das Virus fast 5000 Menschen getötet. Das ist jeder tausendste Einwohner des kleinen Landes. Hunderte Ärzte und Krankenschwestern sind gestorben, mehr als 20 000 Kinder haben ein oder gar beide Elternteile verloren. Überlebende kämpfen noch immer mit Symptomen und Stigmatisierung.

Auch am Rest der Welt ist die Epidemie nicht spurlos vorübergegangen. "Ich denke, dass dieser Ausbruch unsere Grenzen aufgezeigt hat", sagt der US-Virologe Heinz Feldmann, der mehrere Monate im Ausbruchsgebiet arbeitete.

Eine alte Krankheit in einem neuen Kontext

Kaum ein Forscher hatte für möglich gehalten, was sich in Westafrika abgespielt hat. Nach zwei Dutzend Ausbrüchen in 40 Jahren glaubten sie zu wissen, was ihnen bevorsteht: ein kleines Aufflammen, das wenige Wochen dauert und im schlimmsten Fall einige Hundert Menschen trifft. Doch es kam anders. Frühere Ebola-Ausbrüche waren auch deshalb so klein, weil sie sich häufig in abgelegenen Dörfern mit wenig Kontakt zur Außenwelt abspielten. In Westafrika traf das Virus auf eine andere Gesellschaft: Urbane Zentren, marode Gesundheitssysteme und eine Bevölkerung, die misstrauisch gegen den Staat und über Landesgrenzen hinweg äußerst mobil ist. Margaret Chan, die Generalsekretärin der WHO sagte: "Es war eine alte Krankheit in einem neuen Kontext, und das hat für Überraschungen gesorgt. "

Laut ihrer Verfassung ist es das Ziel der WHO in Genf, "allen Völkern zur Erreichung des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu verhelfen". Doch der Ebola-Ausbruch legte die Schwächen der Organisation schonungslos offen. Erst am 8. August 2014 rief sie den internationalen Gesundheitsnotstand aus. Da hatte das Virus schon seit Monaten gewütet. Ein Bericht, von der WHO selbst in Auftrag gegeben, kommt zu dem Schluss, die Führung habe frühe Warnungen überhört oder ignoriert, sie habe schlecht kommuniziert, die Konfrontation mit den betroffenen Ländern gescheut und die örtliche Bevölkerung nicht genügend eingebunden. Hinzu kommt, dass es der WHO an Durchsetzungskraft fehlt. So erließen 40 Mitgliedsstaaten eigenmächtig Reisebeschränkungen, was es erschwerte, Helfer und Hilfsmaterial nach Westafrika zu bringen - ein klarer Verstoß gegen die internationalen Gesundheitsrichtlinien.

Manche prognostizierten Millionen Tote. Doch dann endete der Ausbruch überraschend

Die meisten Beobachter sind sich einig, was die WHO braucht: mehr Geld, mehr Macht und mehr Unterstützung. Zugleich müssen sich Strukturen ändern, eine Weißhelmtruppe soll für die Zukunft als schnelle Eingreiftruppe aufgebaut werden. Die Pläne liegen auf dem Tisch, und Margaret Chan hat erklärt, sie umsetzen zu wollen, ehe sie im Sommer 2017 abtritt. Doch letztlich entscheidet die Weltgesundheitsversammlung, die im Mai zusammenkommt. Selbst wenn die Reform gelingen sollte, dürfte das nicht alle überzeugen. "Ich bin mir nicht sicher, dass die Karten neu zu mischen und das Budget zu vergrößern, die WHO zu einer Organisation macht, die beim nächsten Mal weniger enttäuschend ist", sagt Armand Sprecher von Ärzte ohne Grenzen. "Es gibt gute Leute bei der WHO, aber viele von ihnen sind demoralisiert und haben nicht die Freiheit, das zu tun, was getan werden muss."

Gerüchte und Verschwörungstheorien erschwerten die Arbeit in Westafrika. Schwerkranke Menschen flüchteten. Helfer wurden angegriffen und sogar umgebracht. In Nigeria starben Menschen, weil sie literweise Salzwasser tranken; das "Hausrezept" zum Schutz vor Ebola war über SMS verbreitet worden. Offizielle Quellen betonten, Ebola sei unheilbar, und gaben Kranken damit wenig Anlass, sich in ein Behandlungszentrum zu begeben. Erst als die betroffenen Gemeinden eingebunden und Gerüchte gezielt bekämpft wurden, entspannte sich die Situation ein wenig. Das sei in Europa und den USA nicht anders, betont Sprecher. "Als Ebola an die Tür des Westens klopfte, waren Angst, Fehleinschätzung von Risiken und Überreaktion eben so groß wie in Westafrika oder noch größer."

In der Forschung fehlte es an Koordination

Bei allem Leid war der Ausbruch in Westafrika auch eine seltene Chance, Medikamente und Impfstoffe zu testen. Im Ausbruchsgebiet wurden deshalb zahlreiche Studien begonnen: Kranke erhielten den Antikörper-Cocktail Zmapp, das Grippemedikament Favipiravir oder Bluttransfusionen von Überlebenden. Gesunde wurden zu Probanden für Impfstoffstudien. Tatsächlich zeigte eine Studie in Guinea, dass der Impfstoff VSV-EboV vor dem Virus schützt. Es war ein spektakulärer Erfolg. Doch es blieb der einzige. "Die wissenschaftlichen Aktionen während des Ebola-Ausbruchs haben kaum etwas gebracht", sagt der Virologe Stephan Becker von der Universität Marburg.

Es fehlte an Koordination, die Substanzen lagen nicht bereit, Forscher stritten sich über den richtigen Aufbau der Studien. Die meisten Studien begannen zu spät und mussten ohne Ergebnis abgebrochen werden. "Wir müssen vorbereitet sein, bevor ein Ausbruch losgeht", sagt Becker. Das heißt: vor einem Ausbruch die frühen Phasen der Impfstofftestung abschließen und die möglichen Substanzen dann in ausreichender Menge produzieren, um sie während des Ausbruchs zu testen. Aber auch die rechtlichen und ethischen Fragen müssen geklärt werden.

Ausbruch, Ende, Dauerhaftigkeit des Erregers: alles Überraschungen

Kaum jemand hatte mit einem solchen Ebola-Ausbruch in Westafrika gerechnet. Während des Ausbruchs bemühten sich Forscher, den weiteren Verlauf der Epidemie vorherzusagen. Manche prognostizierten sogar Millionen Tote. Doch das Ende des Ausbruchs kam so überraschend wie der Anfang. Infektionskrankheiten seien schlicht nicht vorhersehbar, sagt Feldmann, weder Ort und Zeit noch ihr Ausmaß oder ihr Verlauf. "Wir brauchen bessere Frühwarnsysteme und langfristige Überwachung", sagt er. Sein Kollege Tony Fauci, Leiter des Nationalen Seucheninstituts in Bethesda, USA, stimmt zu. In Liberia habe es vor dem Ausbruch einen Arzt auf 70 000 Einwohner gegeben. "Die wichtigste Lehre ist, dass wir in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen auf der ganzen Welt nachhaltige Gesundheitsinfrastrukturen aufbauen müssen."

Eine der größten wissenschaftlichen Überraschungen war, wie lange das Virus im Menschen überleben kann, nachdem es aus dem Blut verschwunden ist. Bei einem Überlebenden, dem amerikanischen Arzt Ian Crozier , wurde der Erreger Monate später im Auge gefunden. Die britische Krankenschwester Pauline Cafferkey erlitt acht Monate nach ihrer Genesung eine lebensgefährliche Meningitis, die Gehirnflüssigkeit enthielt Ebola-Viren. Auch im Sperma zahlreicher Überlebender in Sierra Leone konnte das Viren-Erbgut nach Monaten nachgewiesen werden. Das bereitet Forschern die meisten Sorgen, besteht doch die Gefahr, dass Überlebende Sexualpartner anstecken und einen neuen Ausbruch auslösen. Tatsächlich ist das Virus so schon einmal zurückgekommen, nachdem Liberia für Ebola-frei erklärt worden war.

Möglich also, dass die Seuche erneut aufflammt. Doch vorerst ist der Schrecken vorbei, und die Welt hat die Möglichkeit, daraus zu lernen. Es bestehe eine gute Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen, sagt Feldmann. "Natürlich haben wir einen hohen Preis bezahlt - einen zu hohen."

© SZ vom 14.01.2016/ewid

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