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Ebolaviren:Heikle Verstecke

Ebola ist zäher als gedacht: In Spermien wurden Viren noch neun Monate nach der Infektion nachgewiesen. Bei einer britischen Krankenschwester ist die Erkrankung offenbar ein weiteres Mal aufgeflammt.

Von Berit Uhlmann

Nach eineinhalb Jahren des Leids erlebt Westafrika soeben eine zweite Woche ohne neue Ebola-Fälle. Die Welt könnte aufatmen, möchte man hoffen. Doch kommen zur gleichen Zeit Erkenntnisse aus Sierra Leone, die erneut zeigen, wie unberechenbar das Virus noch immer ist. Forscher haben Ebola-Erreger in den Samenzellen von Männern gefunden, die neun Monate zuvor erkrankt und längst als genesen galten (New England Journal of Medicine, online).

Die Wissenschaftler des Gesundheitsministeriums von Sierra Leone, der Weltgesundheitsorganisation WHO und der US-Seuchenschutzbehörde CDC hatten 93 männliche Ebola-Überlebende aus dem westafrikanischen Land untersucht. Bei 43 von ihnen lag die Krankheit bereits sieben bis neun Monate zurück. Doch ließen sich in gut einem Viertel der Proben Erreger nachweisen. Lag der Ausbruch der Krankheit erst vier bis sechs Monate zurück, trugen zwei von drei Probanden noch Viren in den Samenzellen. Bei noch kürzer zurückliegenden Infektionen waren die Erreger bei allen Männern nachweisbar.

Was dieser Befund für die etwa 8000 männlichen Ebola-Überlebenden in den drei am stärksten betroffenen Staaten bedeutet, ist noch unklar. Niemand weiß, ob die Viren nach so langer Zeit noch infektiös sind. Das Risiko der sexuellen Übertragung von Ebola ist unbekannt.

Bei einer Krankenschwester ist Ebola wieder aufgeflammt

Das New England Journal of Medicine berichtet zwar aktuell von einer Liberianerin, die sich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit beim Geschlechtsverkehr mit einem ehemaligen Ebola-Patienten angesteckt hat. Insgesamt scheint dieser Übertragungsweg aber selten zu sein. Die WHO empfiehlt dennoch männlichen Ebola-Überlebenden, sich nach Ablauf von drei Monaten regelmäßig auf die Infektionskrankheit testen zu lassen oder mindestens sechs Monate lang Kondome zu benutzen.

Ebenso unsicher ist, welche Gefahr die Viren für diejenigen darstellen, die sie über lange Zeit im Körper tragen. Auch hier gibt es aktuell den Besorgnis erregenden Fall einer schottischen Krankenschwester, der nahelegt, dass schlummernde Erreger lebensbedrohlich werden können. Die 39-Jährige hatte sich vor einem Dreivierteljahr bei einem Hilfseinsatz in Sierra Leone mit Ebola angesteckt, die Infektion aber allem Anschein nach überstanden. Vor wenigen Tagen erkrankte sie erneut - und ringt seither mit dem Tod. "Eine ungewöhnliche Komplikation ihrer vorangegangenen Ebola-Infektion" nennen die Ärzte nun als Ursache.

Er kenne keinen einzigen weiteren dokumentierten Fall, in dem Ebola-Genesende eine lebensgefährliche Komplikation erlitten hätten, kommentiert Jonathan Ball, Virologe der University of Nottingham. In weniger dramatischer Form werden jedoch zunehmend Spätkomplikationen bekannt. Die WHO berichtete schon vor einem Jahr vom "Post-Ebola-Syndrom": Ärzte begegneten in Westafrika Patienten mit heftigen Schmerzen in Muskeln und Gelenken, starker Erschöpfung und besonders häufig Augenproblemen, die bis zur Erblindung führen. Im Frühjahr zeigte auch ein von Ebola genesener US-Mediziner derartige Symptome. Es scheint, als sei Ebola tückischer als gedacht.

© SZ vom 16.10.2015

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