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Coronavirus:Wie viele Menschen waren bereits infiziert?

Coronavirus - Berlin

Im Blut können Antikörper auf eine durchgemachte Corona-Infektion hindeuten. Viele Studien versuchen jetzt, die Durchseuchungsrate der Bevölkerung daran abzulesen.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Antikörpertests sollen zeigen, wie viele Menschen bereits eine Sars-CoV-2-Infektion hinter sich haben. Doch die Ergebnisse erster Studien sind mit Vorsicht zu interpretieren.

Manchmal lässt sich anhand der Zahlen ahnen, wie groß das Chaos, wie groß die Überforderung in den Regionen gewesen sein muss, in denen das Coronavirus besonders wütete. Die italienische Stadt Bergamo hat 120 000 Einwohner, die gesamte Provinz rund 1,1 Millionen. Offiziell waren in der gesamten Provinz bislang 13 609 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert. Doch jetzt legen Antikörpertests nahe, dass sich allein in der Stadt Bergamo mehr als die Hälfte der Einwohner bereits mit dem Coronavirus angesteckt hatte. Die offiziell gemeldeten Fallzahlen zeigen also wohl nur einen kleinen Ausschnitt des tatsächlichen Infektionsgeschehens.

Am Montag hatten die örtlichen Gesundheitsbehörden berichtet, dass Bluttests bei 57 Prozent von etwa 10 000 untersuchten Menschen aus Bergamo Antikörper gegen Sars-CoV-2 angezeigt haben - was nahelegt, dass sie mit dem neuartigen Coronavirus infiziert waren. Auch medizinisches Personal wurde getestet. Dort fand man bei rund einem Drittel der Untersuchten Antikörper auf Sars-CoV-2.

Die Infektionsrate wäre demnach enorm in Bergamo, doch wahrscheinlich muss man die Zahlen zumindest ein bisschen nach unten korrigieren. Bürgermeister Giorgio Gori sagte, diese sehr hohen Prozentzahlen kämen wahrscheinlich dadurch zustande, dass vor allem diejenigen getestet wurden, die in Kontakt mit Covid-19-Patienten standen - und deshalb eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten, sich auch mit dem Virus anzustecken. Neben den Bluttests verwies Gori aber auch auf die Auswertung der Daten aus einer App, die sich etwa 50 000 Einwohner Bergamos heruntergeladen haben. Etwa 35 Prozent erklärten dort demnach, sie hätten typische Corona-Symptome wie Fieber, Husten oder den Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn gehabt. Für ein exaktes Bild über das Ausmaß des Ausbruchs müsse dann laut Gori noch eine geschätzte Zahl von Infizierten ohne Symptome berücksichtigt werden.

Die Berichte aus Italien sind nicht die ersten Zahlen zur Durchseuchung in Corona-Hotspots. In Deutschland hatte sich eine Studie aus der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg ebenfalls mit der Frage befasst, wie hoch die Dunkelziffer der Infizierten in einem besonders stark vom Coronavirus betroffenen Gebiet ist. Dort hatten 15 Prozent der Getesteten Antikörper entwickelt, es waren also fünfmal mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert, als es die offizielle Statistik ausweist. Die Stichprobe war mit rund zehn Prozent der Einwohner in etwa gleich groß wie in Bergamo. Doch in Gangelt wurde nach Angaben der Studienautoren um den Bonner Virologen Hendrik Streeck eine Zufallsauswahl getroffen, während die italienischen Behörden keine genauen Angaben machen, nach welchem Muster sie ihre Studienteilnehmer ausgesucht hatten.

Wichtig ist aber auch: Die Daten aus den einzelnen Hotspots taugen nicht, um eine Aussage über die Immunität in einem gesamten Land zu treffen. Dafür braucht es weitere, vor allem auch großflächigere Untersuchungen. In der Schweiz gibt es jetzt zumindest aus immer mehr Regionen Ergebnisse aus Antikörpertests. Für den Kanton Waadt konnten Forscher der Universität Lausanne zuletzt eine Immunität bei sieben Prozent der Getesteten feststellen, bei einer Untersuchung von Blutspendern und Patienten des Uniklinikums in Zürich fanden sich jedoch nur bei 1,1 Prozent der Menschen Antikörper. Doch dürfte auch diese Stichprobe nicht repräsentativ sein.

Unsicherheiten bei den Antikörpertests

Am aussagekräftigsten ist wohl bislang eine Studie aus Genf, bei der 1335 Menschen, die einen repräsentativen Querschnitt der Genfer Bevölkerung abbilden, im April über mehrere Wochen auf Antikörper getestet wurden. Denn bis im Körper nach der Infektion mit dem Virus auch Antikörper nachweisbar sind, kann es eine Zeit dauern. So fanden die Forscher bei ihrer Stichprobe in Genf in der ersten Woche nur bei 3,1 Prozent der Getesteten Antikörper, nach drei Wochen aber bei 9,7 Prozent. Gemessen an den rund 5000 offiziell registrierten Covid-19-Fällen in der Stadt deuten auch diese Ergebnisse auf eine sehr hohe Dunkelziffer hin.

Interessant sind die Ergebnisse aus der Schweiz auch, wenn man sie mit den Zahlen aus Schweden vergleicht, wo die Regierung auf eine Herdenimmunität gesetzt hat, also darauf, dass möglichst viele Menschen in kurzer Zeit immun gegen das Virus werden, um dadurch die Pandemie zu stoppen. Erste Testergebnisse zeigten aber, dass in der am schlimmsten von der Pandemie betroffenen Hauptstadt Stockholm Ende April erst 7,3 Prozent der Bewohner Antikörper entwickelt hatten. In anderen Teilen des Landes waren die Zahlen noch niedriger. In der südschwedischen Provinz Skåne waren es 4,2 Prozent, in der Region Västra Götaland, in der die Stadt Göteborg liegt, sogar nur 3,7 Prozent. Dabei waren die Gesundheitsbehörden davon ausgegangen, dass Anfang Mai etwa ein Viertel aller Schweden bereits eine Corona-Infektion hinter sich hatte.

Doch es gibt noch weitere Unsicherheiten bei den Antikörpertests: Offenbar entwickeln manche Infizierte auch nach Wochen keine Antikörper. In einer Studie der Universität Lübeck konnten Forscher bei rund 30 Prozent bestätigter Corona-Patienten mit leichten bis mittelschweren Symptomen in zwei aufeinanderfolgenden Analysen gar keine Antikörper im Blut nachweisen. Das bedeutet nicht nur, dass ein Teil der Corona-Infizierten möglicherweise gar nicht immun gegen das Virus ist, sondern auch, dass eine Schätzung der Dunkelziffer schwierig wird.

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